August, 2018

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Rote Sonne

Tuesday, August 21st, 2018

Letzte Nacht wachte ich schweissgebadet auf, im Traum hatte die Erde gebebt und Seattle in einem grossen, längst fälligen Erdbeben dem Erdboden gleichgemacht. Der Tag wurde nicht besser. In Kanada brennen die Wälder und der Rauch verhüllte den Himmel mit einem gelblichweissen Nebelschleier. Der Tag endete mit einem langen Stau und der wahrhaft dämonischen Zahl von 44.444 gefahrenen Meilen auf dem Tacho. Wir waren in den Casacade Mountains, ziemlich weit oben, hatten aber kaum Sicht. Vermutlich war Wandern gar nicht empfohlen bei dem herrschenden Smog. Am Abend färbte sich die Sonne rot und versank schnell im Dunst.

Unser Sonntagsausflug führte uns zum Stevens Pass. Über diesen Bergpass wurde 1893 eine Bahnlinie gebaut. Die Bahn existiert noch heute, die Strecke verläuft jetzt aber etwas niedriger durch einen längeren Basistunnel. Die alte Strecke führt über Kehren und Tunnel weit nach oben, Teile davon sind jetzt ein Wanderweg. 1929 wurde die alte Strecke stillgelegt. Nach kaum 100 Jahren  ist wenig geblieben. Bergrutsche und der nachwachsende Wald haben die meisten Spuren verwischt. Vor allem hat mich überrascht dass die Tunnel allesamt eingestürzt und unpassierbar geworden sind.


Wir haben in Seattle ein Haus gekauft, das wurde 1927 erbaut. Vielleicht sind die Nägel über diese alte Bahnlinie gefahren? Fest steht, dass das Haus nicht erdbebensicher ist. Wenn die amerikanische Platte nach 300 Jahren Kompression durch die Juan de Fuca Platte eines Tages um 3-4 Meter nach Westen zurückschnellt, wird es am alten Platz bleiben wollen und vom Fundament rutschen. Wir werden es festschrauben müssen (aber dann kracht wahrscheinlich das Nachbarhaus in unseres). Wie schnell alles Menschenwerk verfällt. Die Wanderung war schön, aber wegen des Smogs nicht erholsam.

Wohlerzogene Bevölkerung

Friday, August 10th, 2018

Als ich Anfang Juli nach Seattle kam um mich hier nach Wohngelegenheiten umzusehen, war ich viel als Fussgänger unterwegs. Welch unerwartete Höflichkeit im Verhalten der Autofahrer durfte ich erfahrem. Nichts von dem Strassenkampf den ich aus New York kannte, wo die Fahrer beim Abbiegen Fussgängern (die ebenfalls grün haben) den Weg abschneiden. Je dicker das Auto, desto mehr muss man auf der Hut sein. In Seattle sind sie so zuvorkommend, die Autos halten sogar an, wenn einer nur grübelnd an der Ecke steht. Ich habe tatsächlich die Strasse überquert, obwohl ich nichts auf der anderen Seite verloren hatte, nur um den aufmerksam höflichen Autofahrer nicht zu enttäuschen.

Fahrradfahrer halten sich ebenfalls an alle Regeln. Bei rot stehen sie an der Ampel und warten, drei, vier ewiglange Phasen hindurch. Bei der in Seattle üblichen Ampelschaltung gibt es neben dem Geradeausverkehr noch extra Grünphasen für die Abbieger auf beiden Seiten. Man steht sich die Beine in den Bauch. Hat man als Fusgänger den Knopf nicht gedrückt, ist man gelackmeiert und steht weitere Extraminuten. Der Verkehr ist dicht genug um nicht einfach loszulaufen. Also die Radfahrer, alle tragen sie einen Helm! Nur bei den Leihfahrrädern gibt es einzelne Radler die ohne Helm fahren, ich tat es ebenso. So schwerfällig und lahm wie diese grellbunten per GPS und Mobiltelefon buchbaren Räder sind, kann meiner Meinung nach nicht viel passieren. Aber als vor einigen Tagen einer der Obdachlosen, die in Seattle die Grünstreifen und Grünanlagen bevölkern, die Bemerkung fallen lies, dass es ihn doch sehr wundere, dass die Polizei das durchgehen lasse, da kaufte ich am nächsten Tag einen Helm. Und am übernächsten mein eigenes Fahrrad.

Jetzt stoppe ich ebenfalls an Stopschildern, sogar wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist. Und vielleicht lerne ich sogar das amerikanische Handzeichen für “ich biege rechts ab”. Da streckt man den linken Arm angewinkelt in die Luft. Wenn ich vollkommen assimiliert bin, werde ich beim Überholen laut “on your left” rufen, selbst dann, wenn der überholte Radler oder Fussgänger ganz am rechten Rand befindlich ist und dort schnurgerade und berechenbar nach vorne geht und reichlich Platz zum überholen ist.

Seattle wurde vormals von Skandinaviern besiedelt (nach den Ureinwohnern natürlich, das sagt man heute korrekterweise immer dazu). Im Stadtteil Ballard haben sie ein Nordisches Museum eröffnet, das sich ganz der skandinavischen Lebensart widmet, auf beiden Seiten des Atlantiks. Man sieht Nachbauten der stabilen Ruderboote, mit denen die Wikinger (damals noch weniger rücksichtsvoll) den ganzen europäischen Nordwesten besucht und heimgesucht haben. Man erfährt wie skandinavische Politik das Gemeinwohl im Blick hat und sich um alle kümmert. Skandinavisches Design hat wunderschöne moderne Möbel hervorgebracht. Und man sieht welch tolle Natur es im Norden gibt. Libby und ich haben das Museum scherzhaft “Nordic Supremacy Museum” genannt, aber gegen diese skandinavische Überlegenheit und Vorbildlichkeit in allen Belangen kann man ja schlechterdings wenig einwenden und um ehrlich zu sein, sind wir ja auch genau deshalb hergekommen. Trotzdem vermisse ich das chaotische, kräftig durchmischte New York manchmal ein klein wenig.

Insekten

Tuesday, August 7th, 2018

Eine der ökologischen Hiobsbotschaften der letzten Jahre ist die vom Verschwinden der Insekten. Schätzungen zufolge soll die Biomasse der fliegenden Insekten in den letzten 30 Jahren um 70-80% abgenommen haben. Ich bin nun in dem Alter in dem ich bewusst auf einige Jahrzente Erinnerungen zurückgreifen kann (aber kein bisschen weise davon). Jedenfalls kann mich noch gut entsinnen, dass wir als Kinder immer durch die dichte Hainbuchenhecke geklettert sind, die unseren Garten einfriedet. In der Hecke hatten immer mindestens drei dicke Kreuzspinnen ihre Netze gespannt, vor denen waren wir auf der Hut, wenn wir uns durch die Zweige nach draussen drängten. In den letzten Jahren, wenn ich zu Besuch war, gab es keine Spinnennetze mehr. Mit den Insekten verschwinden die Vögel. Auch hier erinnere ich mich an laute Konzerte ab vier, fünf Uhr Morgens. Im letzten Sommer in Weinheim vernahm ich nur vereinzelte Stimmen.

Ein weiterer, ziemlich überzeugender Indikator für das Verschwinden der fliegenden Insekten ist, dass Autofahrer nach sommerlichen Fahrten kaum noch die Windschutzscheibe von toten Insekten reinigen müssen. Ich erinnere mich auch hier, dass die Insektenschmiere auf der Windschutzscheibe eine ziemliche Schweinerei war und man besonders nach Nachtfahrten an der Tankstelle zum Scheibenreiniger greifen und ganz schön rubbeln musste. Aber vielleicht sind moderne Autos einfach windschnittiger, so dass die Motten und Falter elegant im Luftstrom um das Auto gezogen werden ohne aufzuprallen?

Leider ist das keine zutreffende Erklärung. Unser aerodynamischer Golf Kombi (Baujahr 2013) hat auf der Kontinentdurchquerung in der Prärie ziemlich viele Insekten aufgesammelt. Das lässt den erfreulichen Schluss zu, dass in den Hochebenen von North Dakota und Montana die Welt noch in Ordnung ist. Hier betreibt man extensive Weidewirtschaft. Auf der Durchfahrt sieht man einzelnes Rindvieh verloren in den braunen Hügeln stehen. Die wenigen Ranches besitzen riesige Ländereien auf denen die Kühe frei umherziehen und weiden. Überall blühen Blumen. Schmetterlinge gaukeln durch die Luft, oft in Pärchen. Wenn sie dann gemeinsam am Kühlergrill zerschellen hat das etwas tröstliches, wenigstens bleibt kein trauernder Partner zurück.

 

 

 

Die Ironie dabei ist, dass genau in dieser Gegend eifrig Bergbau und Fracking zur Öl- und Gasgewinnung betrieben wird. Also alles vergiftet mit Chemikalien? So einfach ist es offenbar nicht. Ich fürchte, die mit Unkrautvernichtungsmitteln sauber gespritzen Felder und die bis auf den letzten Quadratmeter vom Menschen gestaltete Stadt- und Agrarlandschaft ist für die Artenvielfalt viel tödlicher als gelegentliche giftige Schlammlachen aber mit viel Platz drumherum.

Der Deutschlandfunk hatte passenderweise eine Sendung zum Thema im Programm (hier ein Link zum Transskript.).