February, 2014

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Berge von Schnee

Friday, February 21st, 2014

Zum ersten mal sind meine hohen Erwartungen an einen New Yorker Winter erfüllt. Alle paar Tage schneit es kräftig. In den Nachrichten nennen sie das dann immer “Blizzard”, aber davon kann keine Rede sein. Ein Blizzard, das wäre ein rechter Wintersturm mit anschliessendem Ausfall von Elektrizität und (noch schlimmer) Internet. Alles, was bisher passierte, waren verspätete Vorortzüge. Und jeder weiss, dass daran weniger der Winter Schuld hat, als die unorganisierte Eisenbahngesellschaft.

Meinen Kollegen, also vor allem die aus den Vororten, die mit der Long Island Railroad oder New Jersey Transit anreisen, steht der Sinn nicht mehr nach Winter. Matt beklagt sich: Das bringt meine ganze Routine durcheinander! (Dabei ist der Mann ist noch keine dreissig). Und Chris erhofft sich Hilfe von den Chinesen. Weil die nämlich angeblich das Wetter verändern wollen und es nach Belieben regnen und schneien lassen, hofft er auf weniger Schnee in New Jersey mit Hilfe fernöstlicher Technologie. Dabei wäre sein eigentliches Problem, die verspäteten Züge, technologisch und organisatorische ohne weiteres zu lösen. Es ist wohl typisch für amerikanische Informatiker, dass sie alltägliche Probleme nicht direkt angehen und sich etwa bei der Eisenbahn beschweren oder in der Kommune politisch für besseren Nahverkehr kämpfen. Stattdessen schreiben sie lieber ein Programm, mit dem man Taxis bestellen kann oder das Essen ins Haus geliefert bekommt (oder hoffen gleich auf die Chinesen).

Andererseits, mal von zuhause arbeiten ist auch ganz nett. Es freut die Gattin und den Hund.

Wenn die Sonne rauskommt, sieht alles ganz blitzeblank aus.

Aber wehe, wenn es schmilzt. Der erfahrene New Yorker trägt jetzt Gummistiefel und watet durch Pfützen und durch den Müll, der unter dem tauenden Schnee zutage kommt.

Schuldgefühle im Zoo

Sunday, February 2nd, 2014

Wir waren heute im Zoo, in der Bronx. Es ist der grösste Zoo in New York aber eine grosse Stadt macht noch keinen grossartigen Zoo. Wegen des Winters waren die meisten Tiere in ihren Häusern und die sind nicht zugänglich für’s Publikum. Was wir also nicht sahen, waren die Löwen, Zebras und allerhand Antilopen. Immerhin, das Giraffenhaus hatte geöffnet.

Ein Leopard ohne Angst.

Von den Gorillas sah ich nur einen breiten, silbergrauen Rücken. Viele Gehege sind derart artegerecht gestaltet, dass man es als Besucher schwer hat, etwas zu erspähen. Als Kind ging ich oft die Einzelzellen des Affenhauses im Heidelberger Zoo ab, mit ihren drei gekachelten Wänden und der offenen, vergitterten Seite dem Publikum zugewandt. Wohlgefühlt haben sich die Tiere auf ihren Edelstahlpritschen bestimmt nicht, aber wenn die Hyänen heute irgendwo weit hinten im Gehege unter Büschen und künstlichen Felsen 18 Stunden am Tag ihre artgerechte Siesta halten, ist der Untehaltungsauftrag eines Zoos auch verfehlt. Ich habe den Zoo alten Stils mal hier mal mit unserem Hund in der Küche nachgestellt. Lucy war nach etwas Speck und guten Worten zur freiwilligen Mitarbeit bereit. No animal was harmed!

Die Heidelberger Affen werden mir fünfjährigem Knirps verziehen haben. Der viel grösseren Schuld entgehe ich heute nicht. Auf den Schildern an den Gehegen war damals auch immer das Verbreitungsgebiet in einer Karte schematisch aufgezeichnet. Heute, bald bald vierzig Jahre später, steht auf den Schildern: “Ehemaliges Verbreitungsgebiet” (rot schraffiert). Und ein stark geschrumpfter roter Fleck innerhalb der Schraffur: “stark gefährdete Restbestände”.

Der Zoobesuch geriet zum Alptraum. Kein Gehege, kein Tierhaus in dem nicht die Wände voll waren mit Schautafeln die den Verlust des Regenwaldes zeigten, das schrumpfende Gorillahabitat, die wenigen noch verbleibenden Nistpaare der Kronenkraniche. Mitten in New York waren wir quasi zwischen den rauchenden Stümpfen des brandgerodeten Regenwalds. Mich deprimierte das masslos. Der Besuch im Bronx Zoo war etwa so freudlos wie ein Rundgang im Holocaust Museum.

Denn was kann ich denn tun, ausser mich schlecht zu fühlen? Die gut gemeinten Ratschläge gingen nicht über das übliche hinaus: Immer schön recyclen, nur Produkte aus nachhaltigem Anbau verwenden und die einschlägigen Hilfsorganisationen unterstützen.

Nachhaltiger Anbau, wer’s glaubt wird selig. Ich kann hier um die Ecke im Home Depot Holzleisten kaufen mit dem Aufkleber “sustainably harvested in Chile”. Nun weiss ich aber genau, wie diese Kieferplantagen entstanden sind, die sich sustainable, nachhaltig, nennen dürfen. Wo heute Kiefen wachsen, stand vor vierzig Jahren auch ein Urwald, ein subtropischer Hartlaubwald, ein einzigartiges Habitat.

Nur eine Tafel fand ich im ganzen Zoo, die sich dem Hauptgrund des Disasters widmet. Ein Ticker, der die Anzahl der Menschen auf der Erde hochzählt. 7 Millarden heute, bei meinen Zoobesuchen als Knirps in Heidelberg war es noch gut die Hälfte, etwas über 4 Milliarden.

Die Maleos übrigens, diese Vögel auf dem Poster oben, die sind wirklich die schlauesten: Sie graben ihre Eier zum Brüten in die warme Erde eines Vulkans ein. Das war’s, der elterlichen Pflichten sind genüge getan. Das Küken schlüpft alleine und kann auch gleich fliegen. Das sind die faszinierenden Neuigkeiten, die ich in einem Zoo gerne lernen möchte. Die Frage danach, wie den Maleos heute geholfen werden kann (wenn ich das denn will) muss ich wohl selber stellen und die Antwort darauf auch selber herausfinden. Palmöl von nachhaltigen Plantagen wird den Vogel gewiss nicht retten.