December, 2012

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Urlaubstage

Saturday, December 22nd, 2012

Wie allgemein bekannt, hat der amerikanische Arbeitnehmer wesentlich weniger Urlaub als sein europäischer Kollege. So etwa drei Wochen in den USA gegenüber sechs Wochen in Deutschland pro Jahr. Die Kollegen scheinen die freie Zeit nicht gross zu vermissen, aber es gibt individuelle Unterschiede. Manche nehmen nichtmal ihre drei Wochen, andere würden schon gerne mal länger auf Reisen gehen oder auch einfach nur entspannter. Statt für ihren Heimaturlaub in Shanghai eingequetscht zwischen zwei Wochenenden zu fliegen könnte B. da noch eine Woche dranhängen.

Meine fünfzehn oder so Urlaubstage waren schon im September aufgebraucht. Dabei wollten wir doch wieder nach Chile und zwischen Weihnachten und Neujahr den Südsommer geniessen! Also habe ich im Oktober mit meinem Chef geredet und um unbezahlten Urlaub gebeten (leave of absence). Der wurde auch genehmigt, ohne viel Debatte, man gab sich mit meiner Zusicherung zufrieden, dass die aktuellen Projekte auch ein Weilchen ohne mich auskommen. Ich habe meine Pläne nie an die große Glocke gehängt, mir war nie so recht klar, ob mein Wunsch nach einer ausgeglichenen work-life balance nicht etwa das Firmenethos verletzt. Die Furcht war vermutlich unbegründet, wir sind keiner dieser Läden, bei denen um acht Uhr nochmal Pizza bestellt wird und dann alle fieberhaft bis nach Mitternacht weiterschaffen. Möglicherweise ist das auch ein Vorteil unserer wöchentlichen Software-Auslieferungen. Wenn man es bis zur Deadline (immer Donnerstag 22 Uhr) nicht schafft, ist es ja nur eine weitere Woche bis zur nächsten Gelegenheit!

Und gestern dann, am letzten Tag vor Weihnachten, die grosse überraschung: Unlimited vacation policy. Ab sofort kriegt man soviel Urlaub, wie man will. Echt? Was ist das denn jetzt?

We believe that our employees have the judgment to know when they need to take a break, tend to personal matters, or spend time away from the office so that they can recharge and have fresh, focused minds both at home and work.

“Jeder weiss selbst am besten, wann er oder sie eine Auszeit braucht, zur Entspannung oder sich um persönliche Dinge zu kümmern, um so frisch und voller Energie wieder zur Arbeit zu erscheinen.” Genau, sehe ich auch so. Aber wo ist dann die Grenze? Denn eine Grenze gibt es ganz bestimmt!

Employees are responsible for monitoring their work and simply requesting time off as needed.  You know what is expected of you in your position within the company, and as long as you’re meeting your goals and performance expectations, when and how much time you take off should not be a primary focus.

Also solange man seine Ziele und Aufgaben gut erfüllt, sollte der Urlaubswunsch kein Problem sein, heisst es. Und wer mit seiner Arbeit hinterm Plan ist, der muss sitzen bleiben und aufholen? Ob das denn so sinnvoll ist? Wer frustriert ist schafft eher noch weniger. Und die Firma hat meiner Meinung nach auch kaum was davon, diejenigen, die mit ihren Aufgaben überfordert sind, noch länger im Büro zu behalten. Es ist eher unwahrscheinlich, dass dabei viel herumkommt.

Vielleicht funktioniert es ja auch ganz anders, als ich denke. Netflix, der Online-Videoverleih, war einer der ersten die das System eingeführt haben. Angeblich haben die Netflixer anschliessend weniger Urlaub genommen als zuvor! Und in diversen Blog posts, die ich gerade zum Thema lese, wird deutlich, dass die Arbeit und das Projekt im Konfliktfall eben doch vorgehen. Ausserdem wird immer darauf hingewiesen, dass doch alle erwachsen genug sein, um keinen Missbrauch zu treiben. Nur, die Grenze zum Missbrauch scheint bei den Blogschreibern etwa bei 4-5 Wochen Urlaub pro Jahr zu liegen. Mit meiner deutschen Arbeitssozialisation sollten aber sechs Wochen unbedingt drin sein!

Was mich zudem stört ist, dass diese Regelung nur für eine bestimmte Gruppe in der Firma gibt (zu der ich gehöre). Wer nicht in der Gruppe der “aussertariflichen” ist (FLSA exempt) ist kriegt dieses Extra nicht. Ich bin der Meinung, dass bei den Mitarbeitern einer Firma natürlich Unterschiede im Gehalt gibt, aber die Sozialleistungen für alle gleich sein sollten.

Wir werden sehen, wie sich das entwickelt.

Fracking

Saturday, December 8th, 2012

Gestern Abend waren L. und ich auf einer Vorführung des Dokumentarfilms “Dear Governor Coumo”. Der Film ist weniger eine Dokumentation als vielmehr Teil einer Kampagne, die ich jedoch vorbehaltlos unterstütze. Das Ziel ist, die Erdgasförderung mit neuen, schwer umweltbelastenden Förderverfahren im Staat New York zu verbieten. Im Moment besteht ein Moratorium das die Erschliessung aussetzt, aber es könnte jederzeit aufgehoben werden.

Was ist Fracking? Es steht für ‘hydraulic fracturing’ und beschreibt Verfahren zur Erdgasgewinnung, bei denen das Gestein durch Einpressen von Wasser, Sand und Chemikalien so aufgebrochen wird, dass vorher in den Poren unzugänglich eingeschlossenes Gas ins Förderloch vordringen und nach oben gebracht werden kann. Diese Technik ist neu, erst in den letzten sechs Jahren wurde sie zur Einsatzreife gebracht.

In den USA hat Fracking einen Gasboom ohnegleichen verursacht. Kurz gesagt, die Energiewende in den USA fällt aus. Man kann davon ausgehen, dass Frackinggas, sowie Erdöl aus Tiefseebohrungen, ölsandvorkommen und ähnlichen unvorteilhaften Lagerstätten für die nächsten 30 Jahre reicht. Zu aktuellen Preisen scheint die Förderung wirtschaftlich zu sein (darüber hört man aber widersprüchliches, ich muss das noch weiter recherchieren). Die ‘nationale Versorgungssicherheit’ hat Vorrang vor allen Massnahmen zur CO2 Vermeidung, nachhaltigen Technologien oder gar Energiesparen. Mit Versorgungssicherheit ist vor allem gemeint: Alles geht so weiter wie bisher.

Weil die neuen Fördertechnologien zwar technisch anspruchsvoll sind, aber perfekt in das Leistungsspektrum der ölindustrie passen, findet der übergang praktisch nahtlos statt. Bohranlagen schiessen wie Pilze aus dem Boden, neue Pipelines werden durchs Land gezogen, aber als Verbraucher bekommt man davon nichts mit. Eine öffentliche Diskussion in der Bevölkerung über Energiepolitik oder die Risiken von Fracking findet praktisch nicht statt. Auch bei der Vorführung gestern Abend waren nur etwa 40 Personen anwesend, dem Anschein nach hauptsächlich gut situierte Bürger aus der weissen Mittelschicht.

Ich glaube in Deutschland wird noch über beschleunigte Planungsverfahren diskutiert, mit denen die neuen ‘Stromautobahnen’ rechtzeitig gebaut werden sollen. In den USA gibt es die Beschleunigungsgesetzte schon, Industrie und Politik haben die irgendwie nach dem 11. September 2001 mit dem Rückenwind von Sicherheits- und Heimatschutzinteressen durchgebracht. Gegen die ölgesellschaften gibt es keine Handhabe. Sind die Bohrmannschaften erstmal da, fühlt man sich als Bewohner “wie in einem besetzten Gebiet” (O-Ton hilfloser Bürger im Film). Die verwendete Chemie verletzt geltendes US-Umweltrecht, aber in einem miesen Kniff wurde die Technologie zur Geheimsache erklärt so dass die Unternehmen nichts deklarieren müssen. Weil offiziell nichts bekannt ist, gibt es auch keinen Gesetzesverstoss. Im Gegenteil, der Gesetzesbrecher ist, wer den Missbrauch ans Licht bringt.

Und was ist das Problem? Grundwasserschutz, vor allem. In Pennsylvania, wo aus abertausenden von Bohrlöchern gefördert wird, betrifft die Wasserverseuchung meist die verstreute Landbevölkerung, deren private Brunnen verseucht sind. Upstate New York, beträfe es zu weiten Teilen das Trinkwassereinzugsgebiet von New York City.

Die Wasserverschmutzung ist Teil des Konzepts. Man muss Wasser mit Chemikalien und Sand versetzen, damit es tief unten im Bohrloch seine Sprengkraft entwickeln kann. Das Wasser befindet sich dabei in einem Kreislauf, aber irgendwann ist es “verbraucht”, die Bohrarbeit ist zuende und das Wasser muss entsorgt werden. Es enthält dann auch Schwermetalle, Radioaktivität, Salze, Mineralien, Gase, eben alles was tief unten im Berg ausgewaschen wurde. Die Entsorgung geschieht meist durch Verdünnung und Einleitung in Fliessgewässer.

Natürlich könnte man die Abwasserreinigung mit der Zeit und der richtigen Technologie in den Griff kriegen. Wohin mit dem konzentrierten Klärschlamm ist schon wieder sehr viel schwieriger zu beantworten. Und dann  sind da auch noch die Unfälle, die unbeabsichtigten Kontaminierungen. Man muss sich die schiere Menge vor Augen führen. Von 90.000 (neunzigtausend) Bohrlöchern ist die Rede, die allein im Staat New York geplant sind. Irgendwas geht immer schief und bei einer derart grossen Zahl summiert sich das.

Zum Schluss die Langzeitfolgen. Auch nach Abschluss der Förderung steigen unter Umständen Gase durch das jetzt stillgelegte Bohrloch nach oben, gelangen in die Atmosphäre und ins Grundwasser.

Für die ölindustrie ist alles wunderbar. Die Unternehmen haben von ihren riesigen Gewinne Bohrlizenzen gekauft, ist ja auch völlig logisch für ein Energieunternehmen. Wenn sie in einem Gebiet eine gewissen Anzahl von Lizenzen haben, ich glaube 40%, dann stehen ihnen die restlichen 60% automatisch zu, zum Mindestpreis und auch gegen den Willen der Landeigentümer. Da hat man als Landwirt keine Wahl und verkauft am besten gleich.