October, 2012

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Sturmfrei

Sunday, October 28th, 2012

Hurrikan Sandy nähert sich der Stadt und der Bürgermeister hat uns alle aufgerufen, zuhause zu bleiben. Während ich diesen Blogartikel schreibe, am frühen Sonntagabend, wird die U-Bahn dichtgemacht und es fahren keine Busse mehr. Da praktisch alle New Yorker mit der U-Bahn zur Arbeit kommen (ausser den Wallstreet-Haien, die fliegen Hubschrauber) heisst das wohl, ganz New York hat zwei Tage sturmfrei. Mein Arbeitgeber lässt uns per email wissen, dass das Büro morgen geschlossen bleibt:

With all public transportation for NYC closed as of this evening, the office will be closed tomorrow.

Und der Kern des Sturms wird erst für die Nacht von Montag auf Dienstag erwartet! Wir haben uns mit dem Wichtigsten versorgt. Der Erdbeben-Reserve-Wasserkanister (aus Chile mitgebracht) ist gefüllt, ein paar Kilo Reis stehen neben deutschem Vollkornbrot im Schrank und im Gefrierfach findet sich auch noch was. Wenn der Strom ausfällt, essen wir das zuerst.

Was wird passieren? Mit ziemlicher Sicherheit wird das Internet absaufen, unser Provider hat sich schon bei Hurrikan Irene im letzten Jahr als wenig wasserfest erwiesen. Stromausfall ist auch nicht unwahrscheinlich. In New York sind die Stromleitungen immerhin unterirdisch verlegt, das sollte sie eigentlich gegen Windfall unempfindlich machen, aber wenn der Sturm die Masten in den Vororten flachlegt, ist die Stadt sicher auch betroffen. Dann ist noch die Rede von Ueberschwemmungen. New York ist eine Hafenstadt. Wir wohnen nur drei Blocks vom Wasser entfernt (leider ist das Hafengelände abgesperrt). Keine Sorge, unser Haus liegt hoch genug, aber der Brooklyn Navy Yard, bis in die 60ger Jahre die Marienwerft und inzwischen ein Gründerzentrum, befindet sich in Zone A und nach den Worten des Bürgermeisters Bloomberg, muss dort evakuiert werden:

In light of these conditions, I’m going to sign an Executive Order mandating evacuation of the Zone A areas.

Passiert ist indes – nichts. Am Nachmittag war ich mit dem Hund in Zone A spazieren, es war windig und düster, ein Tag im Herbst. Im Brooklyn Bridge Park räumten Angestellte ein paar Hinweistafeln in einen Container. Ein einziges Gebäude fiel mir auf, das hatte eine Seitentüre mit Plastikplane und Sandsäckchen “abgedichtet”. Polizei war keine zu sehen, keine Lautsprecherwagen oder die angekündigten Patrouillen, die Bürger zum Verlasen ihrer Wohnungen auffordern sollten. Ich verstehe das nicht. All die Läden in Dumbo, all die Firmen im Navy Yard, glauben sie dem Bürgermeister nicht? Oder meint der Bürgermeister das mit der Evakuierung gar nicht ernst sondern will nur nicht nichts gesagt haben, falls es nass wird? Ich würde ja immerhin mein Auto wegfahren, aus Zone A, aber selbst die Verkehrspolizei hat ihre Abschleppwagen weiterhin auf dem Parksünderabschleppplatz stehen.

http://www.floodzonenyc.com/

Nachtrag 29.10.2012 22:00

Das Drama entfaltet sich für uns mal wieder hauptsächlich im Fernsehen, wir haben noch Strom, Internet über Handy und reichlich zu essen (Linsensuppe, Käsekuchen, Eis, Bier)

Datenschutz

Monday, October 15th, 2012

Eine interessante Geschichte am Rande, die unsere Hausherrin beim Abendessen erzählte. Als sie sich am Tag bei ihrer neuen Krankenversicherung anmeldete, richtete sie auch einen Zugang zur Webseite des Unternehmens ein um Zugriff auf ihre Abrechnungsdaten zu erhalten. Am Schluss der Prozedur, fragte das Programm, ob sie sich anhand einiger persönlicher Fragen als die rechtmässige Accountinhaberin indentifizieren wolle,  oder ob sie stattdessen die Zugangsdaten per Post abwarten wolle. Sie entschied sich für die Fragen. Der Computer wollte daraufhin wissen, wann sie ihr Haus in Buffalo verkauft habe. Obwohl sie einige Zeit in Buffalo gewohnt hatte, hat sie dort nie ein Haus besessen und antwortete entsprechend. Die nächste Frage jedoch bezog sich auf das Haus in dem sie jetzt wohnte und korrekte Antwort (1998) war mit in der Auswahl. In einer weiteren Frage ging es um ihre Adresse (Strasse und Hausnummer) vor vielen Jahren in Kansas City und wieder hatte der Computer die richtige Antwort in der Liste parat.

Etwas ähnlich skurriles hat die citibank auch mit mir veranstaltet als ich mich zum Online-Banking anmeldete. Man bezahlt hier ja auch noch mit Schecks die per Post zum Vermieter geschickt werden und TANs sind anscheinend unbekannt. Stattdessen fragt einen das Programm nach dem Geburtsnamen der Schwiegermutter falls eine grössere Geldsumme transferiert werden soll. US Bürger müssen ja auch keine Ausweise besitzen, jedenfalls nicht solange sie auf Flugreisen und Biergenuss verzichten, denn da wird man doch immer nach seinem Ausweis (=Führerschein) gefragt.

Altmodisch und doch gut informiert: Die Versicherung und die Bank (oder mindestens deren Computer) wissen eine ganze Menge über jede Person. Wer jetzt nach dem Datenschutz schreit hat natürlich irgendwo Recht. Aber der Schutz der Privatsphäre in den USA bezieht sich immer auf den Schutz des Bürgers gegenüber Eingriffen des Staates. Private Unternehmen dagegen können weitgehend tun und lassen was sie wollen. So kann zum Beispiel ein Angestellter von einem Tag zum anderen bei seinem Arbeitgeber herausfliegen, wenn er Aktivitäten nachgeht, die dem Arbeitgeber nicht gefallen. Völlig unabhängig davon, ob er oder sie das in seiner Freizeit tut.

 

 

Portland, Orgeon

Monday, October 15th, 2012

Hey, wir sind über’s Wochenende an der Westküste gewesen, in Portlandia, dem “grünen” Amerika. Hier gibt es eine Straßenbahn, eine Fußgängerzone, Mülleimer mit drei Einwürfen: Einmal für Landfill (=Müllhalde, also Restmüll), dann Recyclables (Dosen und andere Verpackungen) und sogar Kompost. Von der Stadt aus sieht man Berge und Wald und obwohl es am Freitag den ganzen Tag regnete, sind wir von der Innenstadt aus zum Park am Stadtrand gelaufen, der dann in den Wald übergeht. Im Park gibt es einen Rosengarten, der war so frisch und gesund und trotz des Herbstes noch immer voller Blüten. Ich erinnerte mich an den jämmerlichen Rosengarten im Botanischen Garten in Brooklyn, die Rosenstöcke dort sind zerzaust, kaum Blüten, wenige Blätter, braun an den Rändern… entweder sind die Gärtner in Brooklyn komplett unfähig oder die Rosen sind krank. Ein Pilz, bestimmt, manchmal scheint mir dass die Vegetation der gesamten Ostküste der USA von Pilzen,  Schlingpflanzen und Würmern befallen, überwuchert, ausgesaugt, durchsetzt und verdaut ist. Im ganzen Staat New York habe ich im Wald noch keinen einzigen alten und kräftigen Baum gesehen. Alles dünne Stangen die ich mühelos mit meinen Armen vollständig umfassen kann. Wenn sie 30, 40 Jahre alt sind, fallen sie einfach um. Die wirklich alten Baumgiganten stehen ironischerweise mitten in New York, einige schöne im Fort Greene Park, gleich bei uns um die Ecke und noch mehr auf den Friedhöfen der Stadt. Aber das war’s auch schon.

(Radfahrer: Vorsicht mit den Schienen)

Zurück zu den hochgewachsenen Rosen Portlands. Der Regen des Tages hatte ihnen nicht viel ausgemacht, die Blüten waren zahlreich und prächtig. Gleich in der Nähe besichtigten wir noch den japanischen Garten, dann spazierten wir weiter zum Exotenwald, in dem Bäume aus allen Teilen der Welt wachsen. Sogar welche, die Frost nicht recht vertragen, offenbar lässt das Küstenklima das zu.

Wir haben uns in einem Bed & Breakfast eingemietet, bei Privatleuten über airbnb.com. Das Haus ist aus Holz und bestimmt an die hundert Jahre alt. In der Nacht wurde es im Schlafzimmer im oberen Stockwerk etwas kühl, aber das machte nichts, denn wir waren zum Abendessen eingeladen und im Wohnzimmer brannte ein gemütliches Holzfeuer im Ofen. Das Essen war ein besonderer Deal denn unsere Vermieter geben einen Mietnachlass an Lehrer und Dozenten weil sie deren erzieherische Arbeit unterstützenswert finden. L. unterrichtet in Manhattan am Community College, so kamen wir in den Genuss der Vergünstigung. Da wir bereits gebucht und bezahlt hatten, wandelte sich der Preisnachlass in ein Abendessen. Es gab heimischen Albacora (eine Art Thunfisch) auf Gemüsebett, dazu gegrillten Kürbis und einen leichten Rotwein aus der Region. Also das mit dem “heimisch” beim Thunfisch belächelte ich etwas, ist es nicht einer der schnellsten und weitgereisten Fische im Ozean? Aber schon möglich, dass er gerade auf dem Weg nach Hause war, als er den Oregon-Fischern an den Haken ging.

Die Dame des Hauses arbeitet im Schuldienst, der Hausherr macht dies und das, unter anderem hat er ein Weingeschäft und besitzt Essens-Verkaufsstände die er bei Grossveranstaltungen aufbaut und dort Verpflegung verkauft. Diese “Foodcarts” sind überhaupt total populär in Portland. In der Innenstadt haben sie sich auf Parkplätzen breitgemacht und verkaufen exotische Gerichte an die Büroangestellten. Bevor ich’s vergesse zu erwähnen in der Lobhudelei, es gibt auch jede Menge Obdachlose in der Stadt (wie überhaupt generell in den USA).

Im Garten der Gastgeber steht eine Saunahütte, die in nur zehn Minuten auf Touren kommt. Das ist super praktisch, in der Sauna die ich in Chillán gebaut habe, muss man den simplen Holzofen für fast zwei Stunden ordentlich einheizen. Der Trick: Der elektrische Saunaofen ist so gebaut wie eine grosse Thermosflasche aus Edelstahl mit Deckel. Nach dem Saunieren wird der Deckel zugeklappt und der Ofen auf die niedrigste Stufe gestellt. So bleibt er innen heiss und aussen handwarm. Energiesparend ist das selbstverständlich nicht, die Sauna 24 Stunden und sieben Tage die Woche warm zu halten, aber Energiesparen ist auch in Portland kein grosses Thema.