March, 2012

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Ich bremse auch für Fußgänger

Saturday, March 24th, 2012

Einen Aufkleber mit diesem Text sollte ich mir auf die Satteltasche pappen und mich als freundlichster Radfahrer New Yorks präsentieren. Denn hier gilt: Jeder gegen jeden. Die Geländewagenfahrer biegen rücksichtslos nach links und rechts ein und schneiden Dir den Weg ab, Taxis zischen nur eine Handbreit entfernt an Dir vorbei und die Fußgänger stürzen sich in die Kreuzung, egal welche Farbe die Ampel zeigt. Aus Deutschland habe ich in Erinnerung, dass wir schon in der Fahrschule eingebleut bekamen, beim Abbiegen einmal, zweimal, dreimal über die Schulter zu schauen und nur ja keinen Radfahrer zu übersehen. Die waren nämlich immer im Recht und vor allem auch moralisch überlegen. Die radikalen Radler hier scheinen mir nicht aus ökologisch-ideologischem Impetus heraus zu handeln. Mein Eindruck ist eher, den Rasern auf zwei Rädern hier geht es darum, Narben zu sammeln. Sozusagen das wahre Leben auf der Strasse zu finden. Die Räder der tapfersten Krieger haben keine Bremsen und keinen Freilauf, das heisst die Pedale sind über die Kette mit dem Hinterrad direkt verbunden und drehen sich immer mit. Man ‘bremst’ indem man mit Muskelkraft gegenhält — oder man bremst eben nicht sondern fährt durch das Rotlicht und mit einem Schlachtruf auf den Lippen in die Fussgängermeute an der 5th Avenue und quert todesmutig die sechs Reihen Autokorso und schwere LKW an der Houston Street.

Das geht nicht immer gut. Vor ein paar Wochen geriet L. hier um die Ecke in eine Unfallszene noch bevor die Blutlache vom Asphalt gewaschen war. Seitdem verabschiedet sie sich jeden Morgen von mir, als wär’s das letzte Mal. Ich will nicht unter die Räder kommen und will auch keinen überfahren. Auf die frische Luft, die Fahrt über die Manhattan Bridge mit der Skyline im Blick und das so nebenbei erledigte Fitnessprogramm will ich aber auch nicht verzichten.