December, 2011

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Beobachtungen am Arbeitsplatz

Saturday, December 3rd, 2011

Viel ist noch nicht passiert, in meiner ersten Arbeitswoche. Der Computer mit zwei großen Bildschirmen stand bereit, auch eine Kaffeetasse und mein Namensschild. Bereits am Mittag lief die Entwicklungsumgebung, eine Installationsanleitung im Firmen-Intranet war schnell abgearbeitet. Ein wenig programmiert habe ich auch bereits, aber weniger als ich erhofft hatte. Mein Teamchef hat mir noch kein eigenes Projekt gegeben, “es war alles etwas hektisch diese Woche” sagte er.

Komisch, davon hatte ich gar nichts gemerkt. Hektik und Stress heissen für mich, volle Konzentration, lange Arbeitstage, Meetings ausfallen lassen und durcharbeiten. Nicht hier. Alle scheinen sehr entspannt, freundlich, ständig unterhalten sich Kollegen über dies und jenes, beileibe nicht nur über die Arbeit. Es wird länger in der Firma verweilt als in Deutschland (gute 8 Stunden täglich und nur drei Wochen Urlaub) aber sehr viel Zeit wird verplaudert und zwar ohne daß ein Chef etwa böse schauen oder zu mehr Konzentration anhalten würde. Wer arbeitet also mehr, Deutsche oder Amerikaner? Im Endeffekt kommt es wohl auf’s gleiche heraus.

Unter allen Programmierern bin ich womöglich der Alteste, mein Vorarbeiter ist erst 30. Aber einige andere dürften schon Mitte dreissig sein, ich falle nicht zu sehr auf, ich habe ja auch keinen grauen Bart oder Spitzbauch. Manche sind noch rechte Kindsköpfe, einer läuft mit Vorliebe zwischen den Reihen herum und schiesst mit einem Plastik-Maschinengewehr Schaumstoffbällchen auf seine Kollegen. Bei unseren Teammeetings spielen wir beim Gedankenaustauch chinesisches Poker, ich habe die Regeln immer noch nicht recht raus und verliere meistens.

Alles in allem sind etwa 25 Programmierer und 5 “Qualitätsprüfer” (sprich Tester) beschäftigt. Die Programmierer sind alle männlich, weiß oder asiatisch, dazu ein Araber und ein Inder. Die Tester sind alle weiblich und etwas gemischter, zwei Damen haben einen dunkleren Teint. Schwarze oder Latinos sind nicht vertreten. Ich denke nicht, dass die Firma nach rassischen Kriterien einstellt, es ist wohl einfach so, dass die Gesellschaft hauptsächlich gut ausgebildete Weiße und Asiaten hervorbringt.

Ich habe nach Statistiken gesucht, aber da tappt man in die Falle, daß Rasse und Ethnie/Kultur nicht das gleiche sind. Die Statistik für New York City sagt: 45% weiß, 25% schwarz, 13% Asiaten und 17% Sonstige. Wo aber sind die Latinos geblieben? Die sind im Alltag eine deutlich separierte Gruppe (sie sprechen Spanisch und stammen aus Mittel- und Südamerika) verteilen sich aber in der Statistik irgendwo zwischen weiss, schwarz und sonstig. Dann sind da noch die orthodoxen Juden (weiß), die stellen in New York  mindestens 1 Million und in Zukunft sicher noch mehr, sie haben gerne 5+ Kinder, trotzdem arbeitet kein Programmierer mit Schläfenlocken in meiner Firma. Ich will es nicht zu weit treiben mit der Statistik, 30 Programmierer sind ja keine besonders aussagekräftige Stichprobe, aber ich denke schon, dass sie der Tendenz nach stimmt. L. beobachtet das gleiche vom anderen Ende aus. Sie unterrichtet Schulabgänger die mit Ach und Krach einen Schulabschluss geschafft haben und damit formal auf’s College gehen könnten, aber praktisch in allen Fächern einen völlig unzureichenden Bildungsstand haben. Es sind fast ausschliesslich junge Schwarze und Latinos.

Inwieweit die Chassidim auf die Universität gehen oder nicht und ob mangelnde Ausbildungschancen für sie ein Problem sind, weiss ich nicht. Mir scheint, sie sind so tief in ihrer eigenen Kultur verwurzelt, sie haben sogar eigene Schulen und überhaupt recht wenig Berührung mit dem Rest der Stadt. Möglicherweise interessiert sie die moderne Gesellschaft gar nicht besonders. Blackberries haben sie allerdings schon.