September, 2011

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Brooklyn Book Festival

Monday, September 19th, 2011

Letzte Woche hat das Wetter umgeschlagen, im Laufe eines einzigen Tages ist die Temperatur um über zehn Grad gefallen. Nach der schwülen Hitze und Irenchens warmen Gewitteregen genießen wir jetzt kühle Morgen und windige Frühherbsttage mit klarem Licht. Am Samstag fuhren L. und ich mit dem Rad die breite Promenade in Prospect Park entlang, zusammen mit hunderten weiterer Radfahrer, Jogger, Rollerblader, Hundeführer. Zurück nahmen wir die baumbestandenen Straßen des nahem bürgerlichen Viertels gleichen Namens. Einige der Straßen waren für den Autoverkehr gesperrt und die Anwohner bereitenen  Nachbarschaftsfeste vor. Zwischen Klapptischen mit Kuchen und Flohmarktartikeln kurvten kleine Kinder in der Sonne, wir machten ganz langsam um keines zu überfahren.

Am heutigen Sonntag fand das Brooklyn Book Festival statt. Es ist eine Marathonveranstaltung, an einem einzigen Tag passieren 200 Diskussionen und Lesungen, auf Bühnen im Park, in Bibliotheken und Sitzungssälen rund um den Court Street Park. Stände sind auch aufgebaut, hauptsächlich mit Produkten alternativer Verlage bestückt. Kinderbücher sind sehr populär, die längsten Schlangen fnanden sich da, wo Kinderbuchautoren ihre Werke signierten. Amerikaner finden überaschenderweise nichts am Schlangestehen, ich werde ja schon bei einer Person vor mir an der Kasse ungeduldig, hier gab es Schlangen für’s Signieren, für die (allesamt kostenlosen) Veranstaltungen und für die Verpflegung (nicht kostenlos). Die Atmosphäre ist intellektuell und links (liberal, wie das hier heisst). Auf dem Podium wurde über die Republikaner und die Tea Party hergezogen, “wir sind ja unter uns” wie eine Moderatorin bemerkte. Das ist natürlich auch eine Schwäche des Diskurses, denn wie soll man sich auf diese Weise mit dem politischen Gegener auseinandersetzen? Ich besuchte eine unpolitische Veranstaltung zum Thema “Walking the City”, die drei Autoren vorstellte, in deren Büchern flaniert wird, in Los Angeles (Geoff Nicholson), New York (Teju Cole) und einer unbekannten Stadt im Süden Brasiliens (Sergio Chejfec). Anschließend war ich im wunderschönen Bibliothekssal der Historischen Gesellschaft Brooklyns wo zwei Autoren ihre Erkenntnisse über die Schudenkrise und das Schuldenmachen zum Besten gaben. Die beiden waren leider nicht podiumstauglich, der Saal war voll und das Publikum schien bereit sich agitatieren zu lassen aber die beiden verpaßten ihre Chance als Revoluzzer und verfingen sich in unklaren Schatelsätzen. Es ist nur wenigen gegeben, Oekonomie zu live erklären, die beiden schlagen sich vielleicht besser in ihren Büchern oder wenn sie einen längeren Atem haben. Hier ein exzellentes Stück von David Graeber über die Erfindung des Geldes.

An expat’s post on toast

Thursday, September 15th, 2011

Guten Morgen,

beim Toasten des geknautschten Weißbrots über der Gasflamme fiel mir auf, dass es die Silhoutte der Bundesrepublik nachzeichnet (mit einem Loch östlich von Berlin).

Nach ein paar Bissen, erinnerte es an die schmächtige, alte Bundesrepublik.

Wer hätte gedacht, daß die Unterscheidung in West and East Germany heute noch Bedeutung hat? Auf meinem Kärtchen mit der Arbeitserlaubnis steht allerdings drauf dass ich aus West Germany komme (Mannheim, nicht nur im Toastmodell fehlt dem Ort die Süße des Honigs)

Die Arbeitserlaubnis bezieht sich auf mein aktuelles Visum und gilt nur noch drei Wochen. Eine neue, ausgedehntere, erwarte ich für Ende Oktober.

Catskill Mountains

Tuesday, September 13th, 2011

Nach der leichten Enttäuschung über die unerwartet maue Vorstellung von Irene, dem Wirbelsturm, regnete es doch noch zwei Wochen weiter. Nicht so sehr in der Stadt selbst, dafür aber in Upstate New York. Der Bundestaat New York erstreckt sich von der Stadt aus sehr weit nach Norden und wir nutzen ihn als unser Naherholungsgebiet. Nähe ist relativ, bis zu den nächsten erwanderbaren Bergen im Catskill Nationalpark sind es 2 1/2 Stunden Autofahrt. Die Catskills hatten uns schon vor drei Wochen als Ziel vorgenommen und einen Campingplatz vorreserviert. Als ich nochmals alle Daten durchging, entdeckte ich eher zufällig im Internet, daß der Campinglatz geschlossen war. Als Begründung wurde der Wirbelsturm genannt. Was sollte das? Wenn der Hurrikan schon in New York zu einem normalen Sommersturm abgebremst war, wo die Stadt doch immerhin nahe am offenen Meer liegt, was sollte da 100 Meilen weiten landeinwärts noch angekommen sein? Ich fing an private Plätze anzurufen und fand sie geöffnet, wurde allerdings auf die ziemlich feuchte Umgebung hingewiesen. Das Problem waren nicht die Wind- sondern die Hochwasserschäden. Als ich im Internet nach Informationen zum Hochwassers suchte, fand ich reichlich Katastrophenrethorik und wenig konkretes. Wir beschlossen daraufhin einfach loszufahren. Umkehren konnten wir ja immer.
Wie erwartet, kamen wir aber problemlos durch. Erst als wir vom Zeltplatz aus am nächsten Morgen Richtung Phoenicia fuhren, sahen wir daß tatsächlich einiges los gewesen war. Das Flußbett war deutlich geweitet, an vielen Stellen war die Böschung am Flußufer weggesrissen, Auen lagen voller Schlamm, Schutt und ausgerissener Bäume. In Margaretville fanden wir die alte Brücke gesperrt, da die Auffahrt war weggeschwemmt war. Auch einige Häuser hatten im Fluß gestanden und waren teilweise eingestürzt oder ihrer Fundamente beraubt. In Phoenicia war Flußsand bis in die Hauptstraße geschwemmt und hatte den Vorgarten des Eiscafés in eine Art Strandbar verwandelt. Der Plattenweg wer freigekehrt, aber die Tische standen im Sand. Man sieht schon, alles sehr unerfreulich aber das Leben geht weiter und jenseits der flußnahen Bebauung war alles intakt. Das galt auch für den ursprünglich gebuchten Campingplatz den wir ansteuerten um von dort aus unsere Wanderung zu beginnen. Wir waren nicht wenig verärgert über diese Überreaktion aber L. gab zu bedenken, daß vielleicht jede Hand bei den Aufräumarbeiten gebraucht würde und die Ranger deshalb vom Büro an die Schaufeln abkommandiert waren. Hoffen wir’s.

Der Regen freut den Pilz

Die Wanderung war schön, trotz gelegentlichem Regengüssen. Die Landschaft in Amerika darf man sich nicht wie eine Kulturlandschaft im Europäischen Sinne vorstellen. So gibt es keine Felder, Kühe, Almen oder Berggasthöfe und das macht die Tour leicht öde. Man läuft einfach nur die ganze Zeit im Wald. Aber aufgepasst, wem der Wald gehört! Die Wanderwege verlaufen strikt im Staatswald und wenn man denkt man könnte mal über einen Fahrweg abkürzen, dann halten einen Schilder sehr schnell davon ab: POSTED Private Property. No Trespassing. Keep out! Abscheulich finde ich das. Was tut denn ein Wanderer dem Wald (den offenbar ohnehin niemand bewirtschaftet) für Schaden an? Daß die Nutzungsrechte des Eigentümers so weit erstrecken, ist auch in Amerika nicht immer die Regel gewesen. Aber wie so vieles in diesem Land, hat sich auch das Recht am Eigentum in einer Weise entwickelt, die den Interessen der Gemeinschaft wenig Raum gibt.
Die Wanderwege sind sehr gut markiert, aber teilweise wenig begangen und etwas zugewachsen. Einmal haben wir einen Bären aufgestört, der hoch oben in einem Huckleberrybaum Beeren aß. Bevor wir noch kapiert hatten, woher das Rascheln und Krachen von Ästen kam, war der Schwarzbär schon unten, rannte dann aber schnurstracks von uns weg tiefer in den Wald. L. hatte bereits den Regenschirm zur Verteidigung bereit. Unser Hund Lucy dagegen, schaute mehr neugierig als angriffslustig. Ich vermute, daß sich die Wanderer auf wenige Hauptwege beschränken. Logistisch ist es gar nicht so einfach hier zu wandern. Die Distanzen sind groß und es gibt nur wenig Möglichkeiten, Rundwanderungen an einem einzigen Tag zu absolvieren. Also muß man entweder ein Zelt mitnehmen und mit den Bären campen, oder sich etwas einfallen lassen um vom Endpunkt der Wanderung wieder an den Ausgangspunkt zurückzukehren. Ich habe daran gedacht, ein Fahrrad am Ausgang zu deponieren und dann zum Auto zurückzuradeln. Öffentlichen Nahverkehr gibt es selbstverständlich keinen, das würde ja Steuergelder kosten und wäre der erste Schritt in den Sozialismus. Nein, ich habe Amerika noch nicht lieben gelernt in den ersten Monaten hier.

Adam Gopnik im New Yorker (über die Unfähigkeit der USA so wünschenswerte Dinge wie eine alternative Verkehrsinfrastruktur oder eine gute Schulbildung für alle für alle auf die Beine zu stellen):

Keine Frage, das ist polemisch. Und L. hat es nicht gefallen, weil sich die Polemik ihrer Meinung nach gegen die Falschen richtet. Und einem, der sich zu den aufrechten Nicht-Befürwortern von staatlichen Interventionen zählt, zu den “Freiheitlichen” (Libertarians) gefiel es auch nicht. Ich stiess auf seine Argumentation, als ich auf Google nach dem Gopnik Artikel suchte. Sie geht so: Auch ihm, dem Libertarian, würden schnelle Züge zwischen New York und Washington sehr zusagen. Aber er versagt es sich, weil wenn es der Markt nicht wolle, dann dürfe auch keiner eingreifen, auf keinen Fall jedenfalls der Staat und es versuchen zu richten. Denn das sei “Verschwendung beschränkter Ressourcen”.

Das ist wieder so ein verbohrter Ideologe, dem seine Glaubenssätze wichtiger sind, als die Menschen.