April, 2011

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Solarstraßen

Saturday, April 30th, 2011

Es geistert gerade mal wieder eine alte Idee durch die Blogs, nämlich das Strassennetz mit Solarzellen zu pflastern um damit elektrische Energie zu erzeugen. Die Argumente:

  • Asphalt ist aus Erdöl gemacht und damit immer teurer und kostbarer
  • Solarzellen auf der Strasse sparen Platz, denn man muss keine landwirtschaftlichen Flächen dafür verwenden
  • Die Strasse selbst wird zum Verteilernetz für Energie (und Internet etc.)

Klingt ja alles ganz nett, aber ich bin sehr skeptisch.

  1. Es ist ein typisches Beispiel für eine vermeintlich radikale Neuerung, die jedoch in Wirklichkeit komplett im alten Denken verhaftet ist. Der Verkehr soll so weiterfliessen wie gewohnt, es wird einfach nur der Strassenbelag ausgetauscht. Das Problem ist aber gerade der Individualverkehr und der massive Transport von Gütern, beides ist nicht auf einen globalen Maßstab skalierbar. Sieben Milliarden Menschen können nicht alle ihr eigenes Auto fahren.
  2. Wenn man sich im Video den Prototyp ansieht, stellt man fest, das die Panele aus jeder Menge Elektronik bestehen, die auf Leiterplatten gelötet ist. Da stecken viele fiese Chemikalien drin, es ist praktisch nicht recyclebar, vor allem nicht wenn man bedenkt wieviel mehr Chemie nötig sind um es wetterfest zu versiegeln und so zu verkleben, daß es selbst einem Vierzigtonner bei Vollbremsung widersteht. Energetisch gesehen kostet es wahrscheinlich mehr, als jemals dabei herausspringt. Schon die Nettoausbeute bei einem fragilen Solarpanel für’s Dach ist nicht so toll Eine Solarzelle in Deutschland erwirtschaftet etwa viermal soviel Energie wie in ihre Herstellung gesteckt wird (Quelle: withouthotair.com Seite 38 unten).

Eine radikal neue Idee für den Strassenbau, das wäre eine Strasse, die sich selbst baut und repariert, etwa so wie die winzigen Polypen ein Korallenriff schaffen. Ein Korrallenriff ist beinharter Fels. Das Problem des Verkehrs löst aber auch diese Biostrasse nicht.

Nachtrag 9.5.2011

Der Solar-Liegeststuhl, der sich mit der Sonne dreht, dem Leser Schatten spendet und den Laptop mit versorgt ist eine bessere Idee. Mir gefällt vor allem das Laubsäge-Ornament unterm Sitz!

 

Nachtrag 18.5.2011

Hier ein Video, das der Idee von Straßen die sich selbst bauen und instandhalten recht nahe kommt:

Warten auf den Expressbrief

Friday, April 29th, 2011

Ich war in diesen Tagen in Santiago zu Gast bei einer Freundin. An ihrer Adresse hätte schon vor Tagen ein Expressbrief aus Amerika für mich ankommen sollen. Als beim Verlassen des Hauses die Postbotin auf der Strasse in ihrer Postfahrradtasche kramen sah, ergriff ich die Gelegenheit beim Schopf und fragte, ob sie denn auch Expressbriefe ausliefere, oder ob das ein berittener Bote Mopedkurier mache. Ja, sagt sie, sie hat auch Expressbriefe dabei und zeigt in ein Fach ihrer Tasche. Und was sie macht, wenn der Empfänger nicht anwesend sei? Einen Zettel hinterlassen? Nein, sagt sie, in diesem Fall wird der Expressbrief an den Absender zurückgeschickt, denn wenn sie am nächsten Tag wieder einen Versuch unternähme, dann wäre ja ein neuer Tag angebrochen und das sei zu lang, die Maximalfrist für die Zustellung sei nämlich 24 Stunden!

Unbestechliche Logik, nicht?

Sie versprach mir aber, auf dem Postamt nochmal nachzusehen, fragte mich auch nach meiner Telefonnummer und schickte mir am Nachmittag tatsächlich eine SMS, mit der Nachricht, dass auch auf dem Postamt kein rückwärtiger Expressbrief für mich zu finden sei.

Nachtrag: Gestern kam der Expressbrief an, eine Woche verspätet. War aber o.k., für mich sind die Unterlagen mehr wichtig als eilig.

Achtsam

Tuesday, April 26th, 2011

Der Reporter eines Artikels über Quantencomputer, den ich gerade lese, besucht den Physiker David Deutsch für ein Interview. Das Haus in Oxford ist etwas verwahrlost und in ziemlicher Unordnung. Und dann erzählt der Reporter eine hübsche Anekdote:

More than one of Deutsch’s colleagues told me about a Japanese documentary film crew that had wanted to interview Deutsch at his house. The crew asked if they could clean up the house a bit. Deutsch didn’t like the idea, so the film crew promised that after filming they would reconstruct the mess as it was before. They took extensive photographs, like investigators at a crime scene, and then cleaned up. After the interview, the crew carefully reconstructed the former “disorder”. Deutsch said he could still find things, which was what he had been worried about.

Den Artikel gibt’s leider nicht frei zu lesen.

Internet-Demokratie

Saturday, April 23rd, 2011

Wer nach dem Osterspaziergang-Post dachte, dass die politische Phase dieses Blogs erstmal vorbei sei, der sieht sich leider getäuscht. Es geht erst richtig los. Zu Häschen, Pferdchen und buntem Wald schreibe ich zwischendurch auch immer mal wieder. Aber jetzt zur Politik.

In den arabischen Ländern Nordafrikas kämpfen die Menschen für Demokratie. Aber wenn mich heute ein Ägypter per email fragen würde, ob ich die Demokratie westlicher Prägung weiterempfehlen kann, wäre ich nicht so sicher. Ich würde wahrscheinlich antworten: Die Demokratie ist eine tolle Sache, aber uns sind hier die Demokraten ausgegangen.

Die westlichen Demokratien sind in der Krise. Es ist schon viel schlaues darüber geschrieben worden, die Analyse die ich am ehesten teile ist ungefähr die folgende:

Parteien

Die Parteien sind austauschbar geworden, die Politiker sowieso. Als ich in der Schule war und in Gemeinschaftskunde politisch diskutiert wurde, da war für mich klar, dass ich die CDU ganz gewiss niemals wählen könnte. Heute würde ich sagen, warum nicht? Nicht weil ich inzwischen meine konservative Seite entdeckt hätte, das auch. Die deutschen Parteien sind alle in der Mitte angekommen und die Bürger ebenso. Es gibt keine Arbeiterklasse mehr, wir in der Mitte sind alle gleichzeitige Angestellte und Kapitalisten (mit Aktiendepot). Die in der Gesellschaft unten stehen, fühlen sich nicht als Gemeinschaft, sie haben ihren Stolz verloren und werden mit Sozialhilfe abgespeist. Und die oben brauchen ohnehin keine Partei, die bestimmen heute auf andere Art, vornehmlich über Lobbyarbeit.

Lobbyisten

Lobbyisten machen heute die Gesetze und legen sie dem Parlamentarier mit freundlichem Druck zur Abstimmung nahe. Die wichtigsten Lobbyisten sind die Vertreter der Industrie, die Gewerkschaften und die Nichtregierungsorganisationen. Die letzteren haben weniger Geld und können deshalb nicht so oft in luxuriöse Tagungshotels einladen. Aber im Grunde ist der Einfluss aller dieser Gruppen nicht wünschenswert weil nicht demokratisch legitimiert. Eigentlich wäre es die Aufgabe des Parlamentariers, sich selbst zum Experten zu machen und im besten Interesse seiner Wähler zu handeln. Das scheitert unter anderem an der enormen Komplexität.

Komplexität und Hektik

Möglicherweise ist Politik machen tatsächlich nicht mehr so einfach wie vor 30 Jahren. Alles passiert wahnsinnig schnell und alles hängt mit allem zusammen. Ein paar Beispiele:

Deutschland ist in die EU eingebunden (die EU ist geradezu eine Paradebeispiel für mangelnde demokratische Legitimation). Jedes Gesetz muss daher gleichzeitig EU-Recht entsprechen oder zumindest nicht dagegen verstossen.

Bestimmte Themen sind sehr komplex und widersprüchlich. Zum Beispiel Google. Ist deren Datensammelwut Segen oder Fluch? Beides wahrscheinlich, wenn man nur wüsste, wo die Grenze zu ziehen ist. Und während man darüber noch diskutiert ist das ganze Land abfotografiert und alle Bücher gescannt und jeder Bürger googled ohnehin den lieben langen Tag. Die Wirklichkeit ist schneller als jeder Prozess der Entscheidungsfindung.

Und dann die Finanzkrise. Was wäre passiert, wenn man die tief verstrickten Banken hätte in Konkurs gehen lassen? Vielleicht wäre wirklich das ganze System kollabiert, ich glaube, es wäre heilsam gewesen, aber wer hätte das schon ausprobieren wollen? Zeit zur Entscheidungsfindung: Ein paar Tage, höchstens Wochen.

Ich fürchte jedoch, dass die Mehrzahl der “Gesetze” im Kern hunderte Seiten von Richtlinien, Richtwerten, und Grenzwerten ausmachen. Das kann der Parlamentarier wirklich nur glauben und abnicken.

Und wer hat die Macht?

Zu Zeiten der Wutbürger (in Deutschland) oder die Tea-Party (in Amerika)

Das Fernsehen (in Chile)

Vor allem aber die Lobbyisten von Kapital & Industrie, immer weniger die Gewerkschaften und gelegentlich setzt sich mal Greenpeace durch.

Demokratie ins Internet

Mein ernstgemeinter Vorschlag ist, die Demokratie ins Internet zu verlegen. Über Gesetze soll nicht mehr das Parlament abstimmen, sondern tatsächlich der Bürger. Jedesmal.

Dieser Vorschlag sollte helfen das Parteiensystem zu reformieren und ausserdem die Lobbyisten in Schach halten und die Macht wieder dem Volk geben.

Keine Panik, das ist nichts revolutionäres, steht so im Grundgesetz. An dieser Stelle wäre nur wenig zu ändern:

Art. 20

(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, auf der Webseite ichbindasvolk.de, sowie Organe der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.

Auch bei den Amis ist das Volk der Souverän: “We the people…”, so beginnt die Constitution. Und die Chilenen? Die sind so Flash-verliebt, dass ihre Constitución-Website 10 Minuten zum Laden braucht. Also wahrscheinlich steht drin: Die Macht haben diejenigen im Volk, die genügend Geld haben um sich eine schnelle Internet-Verbindung zu leisten.

Die Volksabstimmungs-Seite

Konkret stelle ich mir das so vor, dass jeder Wahlberechtigte eine Abstimmungs-Website besuchen kann (und soll). http://ichbindasvolk.de wie oben im geänderten GG zu lesen. Da stehen dann immer diejenigen Gesetze schön übersichtlich aufgelistet, die gerade zur Abstimmung stehen. Man stimmt dafür oder dagegen, wie man das von den Nutzungsbedingungen für Software kennt. Mit dem Unterschied, dass man im Fall von ichbindasvolk.de tatsächlich die Wahl hat! Wer sich innerhalb einer Woche nicht drum kümmert, hat sich quasi enthalten. Man kann aber nicht nur mit Ja und Nein stimmen sondern auch differenzierter reagieren:

  • Ich halte das Gesetz für nicht verfassungsgemäss
  • Oder: Aufschub, das scheint mir wichtig, ich muss das erst noch verstehen.
  • Oder: Zurück ins Parlament, das muss noch verbessert werden.

Wenn genug Leute Einwände haben, dann muss das Parlament nochmal ran. Also eigentlich genauso, wie das der Bundestag auch heute schon macht.

Damit ist schon gesagt, dass es weiterhin ein Parlament geben soll. Auch die Bundeskanzlerin, die Minister etc. Auch Parteien. Alle werden so gewählt wie man das kennt, alle vier Jahre. Sie regieren den lieben langen  Tag, empfangen andere Staatsoberhäupter usw. Der grosse Unterschied ist,  dass keiner von all den Gewählten Gesetze verabschiedet. Sie bereiten nur vor und legen diese dann dem Volk zur Abstimmung vor!

Das ist mir zuviel Arbeit

Oder zuviel Verantwortung. Und ganz bestimmt habe ich keine Lust, mir jeden Gesetzentwurf durchzulesen. Also eine Möglichkeit wäre eine Abstimmungsempfehlung nach dem amazon-Kundenempfehlungs-Prinzip. Etwa so:

  • Bürger, die für den Atomausstieg gestimmt haben, haben sich auch gegen Windparks in Sichtweite ihres Häuschens ausgesprochen.

Man sieht schon, das ist wenig hilfreich. Ich schlage daher vor, dass jeder seine Stimme an eine Partei delegieren kann. Das passiert aber nur, wenn er oder sie nicht selbst abstimmt. Wenn ich also garnichts tue, dann entscheidet die von mir in den Benutzereinstellungen hinterlegte Partei.

Mit diesem Prinzip der direkten Demokratie werden sich bestimmt zahllose Gruppen bilden, die Einfluss nehmen wollen. Vor wichtigen Abstimmungen wird die Facebook-Seite überschwemmt von Empfehlungen meiner Freunde. Ich selbst würde versuchen, die Leserscharen dieses Blogs hinter mir zu sammeln. Ich freue mich schon drauf!

Keine Lösung für das Problem der Komplexität

Wie ich weiter oben an Beispielen gezeigt habe, sind viele Entscheidungen heute sehr schwierig zu treffen. Die direkte Demokratie ist da erstmal keine Lösung. Aber möglicherweise ist sie auch nicht schlechter als Schröders Basta-Entscheidung oder das Geflüster des Deutsche-Bank-Chefs ins Ohr der Kanzlerin. Vielleicht bildet sich eine Möglichkeit heraus, wie man die Schwarmintelligenz des Netzes für die Komplexitätsreduzierung nutzen kann.

Osterspaziergang auf dem Holzweg

Saturday, April 23rd, 2011

Zu Weihnachten in Chile kommt keine richtige Stimmung auf. Kein Wunder, bei strahlendem Sonnenschein und Hitze. Wenn dann im Juli hier Skifahren angesagt ist, liegt die Nordhalbkugel am Strand. Aber immerhin zweimal im Jahr gibt es die Jahreszeitengleiche. Meine Wanderung heute brachte mich hoch in die Berge wo gerade der erste Schnee gefallen war. Blanca war total aus dem Häuschen darüber und sprang und rannte bis ich mich anstecken liess und ihr eine Schneeballschlacht lieferte. Ich schätze mal, in den Bergen in Deutschland schmilzt gerade der letzte Schnee in den Höhen. Wenn man nicht so genau hinguckt, dann gleicht sich dieser Tag.
Wie ich da so lief und mappte (= mit dem GPS Openstreetmap Kartendaten sammelte) geriet ich auf einen Seitenweg der ziemlich bald im Nichts endete. “Da bin ich wohl auf einem Holzweg” sprach ich zu mir – und in diesem Augenblick, zum ersten Mal in meinem Leben, verstand ich die Bedeutung dieser Redensart! Ein Holzweg ist ein Weg der nur zum Holzmachen in den Wald geschlagen wurde aber nirgendwo hinführt. Es mir wie Schuppen von den Augen, sozusagen (noch so ein Spruch den ich mal enträtseln müsste, ich schaue jetzt nicht im Internet nach, freue mich aber falls jemand einen aufklärenden Kommentar schreibt).

Internet 10x so schnell als wie man’s zu brauchen glaubt

Thursday, April 21st, 2011

In Berlin fand die re:publica statt. In ihren Kommentaren stellten diverse Blogs einen Vortrag als besonders bemerkenswert heraus, also habe ich ihn heruntergeladen, was ein kleines Opfer ist denn es dauert locker zwei Stunden die 120MB zu streamen.

Der Vortrag von Gunter Dueck ist ein Ausblick darauf, wie das Internet in Zukunft weiter die Gesellschaft verändern wird. Damit es dazu aber überhaupt kommen kann, fordert er den kompromisslosen Ausbau der Infrastruktur. Zehnmal so schnell als was wir heute glauben zu benötigen soll das Internet sein und überall verfügbar, in Grosstadt genauso wie in der brandenburgischen Steppe oder in den Wäldern Bayerns. Denn wer soll da in Zukunft noch leben ohne Zugang zur Online-Arbeit? Die 1.7% Bauern die es noch gibt? Die werden ohne high-tech Landwirtschaft auch nicht auskommen.

Mir kann’s auch nicht schnell genug gehen, nicht bloss um Duecks Vortrag fixer herunterzuladen. Reden wir von der Arbeit: Liebend gerne würde ich von meinem Landhaus aus arbeiten und im Prinzip spricht nichts dagegen, die Technik gibt’s. Mit einer superschnellen Verbindung, könnte ich nicht nur meine Programme aus der Ferne laufen lassen, sondern über Kameras auch beobachten, wie sich die Hardware verhält. Bisher muss ich in eine Flugzeug steigen und 2000km weit zu einem wohlbekannten Observatorium fliegen, bloss damit ich persönlich sehe, ob oder nicht sich ein Spiegel ferngesteuert bewegt. Wenn wirklich mal ein Stecker umzustöpseln ist, dann könnte ich auch per skype einen Techniker anweisen. Klar, ein paar Leute müssen weiterhin vor Ort sein, jedenfalls solange es keine Roboter gibt, die das Ölkännchen schwingen. Bis es mit den Robotern soweit ist, dauert es aber noch länger.

Der Telearbeit hingegen steht nichts entgegen, ausser unseren Gewohnheiten. Jedenfalls sehe ich keine technischen Hürden. Der grösste Gewinn dabei liegt aber nicht in der Bequemlichkeit. Indem ich die wöchentlichen Reisen auf vielleicht zwei im Jahr reduzieren kann, in dem Masse reduzieren sich auch die Emissionen, die ich verursache. Denn wie ich in früheren Blogposts gezeigt habe, macht Mobilität den allergrössten Teil aus. Meine These: Wir müssen einen Teil unseres Lebens ins virtuelle verlagern, um der Umwelt die negativen Folgen unserer realen Tätigkeiten zu ersparen. Also ja zum Wachstum, aber in der virtuellen Welt, in der die Ressourcen tatsächlich unbegrenzt sind.

Wer jetzt erschüttert ist, weil er oder sie bisher glaubte, mein Aussteigertum sei fortschrittsfeinlich und gehe in Richtung Selbstversorgung, falsch gedacht! Ich halte es zwar für wertvoll, das einfache Leben kennenzulernen, mit Hühnerhaltung, Marmeladekochen und Ziegen schlachten. Als Lösung für die ökologischen Probleme unserer Gesellschaft taugt es aber nicht.

Das sind meine Schlussfolgerungen, inspiriert durch Dueck, er zieht noch ganz andere und nicht weniger radikale, aber bitte selber gucken.

Facebook-Chilenisch

Tuesday, April 19th, 2011

Seit ein paar Tagen bin ich Facebook-Freund der Tochter meines Nachbarn (Estefany, 15). Eigentlich die kleinere Schwester hat einen Computer vom Staat bekommen, zusammen mit einem USB Modem und 18 Monate Internet gratis. So steht es auf dem stick und es hat auch einwandfrei sofort funktioniert. Das ganze ist ein Förderprogramm für sozialschwache Familien. Sozialschwach ist dabei Auslegungssache, eine strenge Hartz-4-Bedürftigkeitsprüfung würde die Familie nicht bestehen, aber mit dem Prüfen ist man hier noch nicht soweit, besser so.

Ich sollte beim Einrichten der Kiste helfen. Ich dachte mir schon, dass eine Einführung in Facebook sich wahrscheinlich erübrigt. In der Tat, die grosse Schwester wusste Bescheid. Und email benutzt sie gar nicht, die email adresse hatte sie überhaupt bloss, weil das zur Einrichtung des Facebook Kontos nötig ist.

Hier ein Text von ihrer ‘Wand’. Es ist ganz schön schwierig dieses Telegramm-Chilenisch zu entziffern. Und ohne den Kontext weiss ich natürlich nicht, von welchen Aktionen hier die Rede ist:  sq tu n m abisas kand realiza tus actos (vermutlich: Yo se que tu no me avisas cuando realizas tus actos – ich weiss, Du sagst mir nicht Bescheid, wenn Du Deine Aktionen machst)

Allein ‘realiza’ könnte auch richtig geschrieben sein, dann hiesse es: wenn ich Deine Aktionen verwirklichte (macht aber weniger Sinn).

Naja, geht mich sicher auch nix an.

(Namen geändert)

Katalina Paredes Villegas
Hermani te quiero ♥ aunque no me apoyes con mis actos malvados :/ xd

April 15 at 8:51pm
Estefany Ruiz Sepulveda likes this.


Estefany Ruiz Sepulveda  sq tu n m abisas kand realiza tus actos
April 15 at 8:52pm

Katalina Paredes Villegas como que no jaja :Z
April 15 at 8:53pm


Estefany Ruiz Sepulveda  ya pa l otra m abisas xao q ti bn tkm ermanita
April 15 at 8:55pm

Observatorium eröffnet

Tuesday, April 19th, 2011

Der Eigentümer des Hotels Mi Lodge, der hier ansässige Franzose Betrand Deschamps, hat ein Observatorium gebaut. Es steht auf dem Gelände des Hotels, in den Bergen bei Chillán, im Skidorf Las Trancas. Wir waren neulich schon eingeladen, zur Preview sozusagen. Ich war ziemlich beeindruckt von der Installation. Das Teleskop ist mehr als mannshoch und hat 60cm Durchmesser. Das ist schon ein semiprofessionelles Format. Es wird mit Motoren auf das Ziel ausgerichtet, Betrand fummelt ein bisschen mit einer Stern-App auf seinem iPhone um ein lohnendes Ziel zu finden, dann tippt er die Koordinaten in die Motorsteuerung und das Teleskop fährt punktgenau dorthin. Anschliessend muss man nur noch per Hand die blechverkleidete Kuppel in die richtige Position schieben, so dass die Dachöffnung genau vor dem Teleskop steht. Das geht leicht, die runde Kuppel ist auf Metallschienen gelagert. Soweit ich höre, hat das hat alles Roberto Castillo designt und gebaut, ein Kollege vom Observatorium, meiner ehemaligen Arbeitsstelle. Finanziert wurde es zu guten Teilen aus Fördergeldern des chilenischen Staates für unternehmerische Projekte.

Und was ist zu sehen, wenn man die Leiter  hochklettert (nicht am Teleskop festhalten!) und in das ganz oben am Teleskoprohr angebrachte Okular lugt? Lichtpünktchen am Himmel. Mehr Begeisterung ist von mir nicht zu erwarten. Nach den langen Jahren am “professionellen” Observatorium bin ich für die Astronomie verloren.

Kette geklaut

Sunday, April 17th, 2011

Irgendwann in den letzten zwei Tagen hat jemand die Kette mitgehen lassen, mit der ich das Holztor auf der Höhe verschlossen hielt. Die Kette war mit einem Zahlen-Vorhängeschloss geschlossen, aber einfach über die Latten gehängt so dass das Tor nicht vom Wind oder von Tieren aufgedrückt werden konnte, ich aber bloss die Kette hochnehmen musste um das Tor zu öffnen. Es ist nicht das erste Mal, dass mir Sachen auf der Höhe abhanden kommen. Brennholz wurde geklaut und OSB-Platten. Verfluchte Mitnahme-Mentalität.

Zwei kleine Grundschulen gibt es hier in der Nähe. Der Nachbar erzählt dass in beide letzthin eingebrochen wurde und die Computer geklaut.

Bauern werden Landmaschinen entwendet die in unbewachten Schuppen eingeschlossen sind.

Das ist ein Riesenproblem für die Entwicklung des Landes. In jede Anschaffung muss der wahrscheinliche Diebstahl miteingerechnet werden. Das heisst es fallen zusätzliche Kosten an für Wächter, für Versicherungen, für Zäune, für Alarmanlagen. Das alles frisst die Vorteile der niedrigeren Lohnkosten in Chile auf und manche Investition wird erst gar nicht getätigt. Es sind ähliche Effekte, wie sie auf die Korruption mit sich bringt (die in Chile immerhin nicht sehr verbreitet ist, das muss zur Ehrenrettung des Landes gesagt werden).

Als ich vor Jahren im Kollegenkreis Fotos von einem Ferienaufenthalt in Deutschland zeigte, erregte die mit Blumenkübeln nett dekorierte Altstadt von Ladenburg höchste Verwunderung. Das wäre in Chile unmöglich erklärte man mir, die Blumenkästen würden sofort entwendet.

Von der Weide in die Truhe

Friday, April 15th, 2011

Rosa, die Nachbarin hält immer noch ihre Ziegenherde. Jedes Frühjahr gibt es Junge, die verkauft sie dann zögerlich wenn der Herbst kommt. Am liebsten behielte sie wohl alle, damit die Herde immer stattlicher werde, aber dafür reicht das Gras in der Nachbarschaft nicht. Wie ich schon des öfteren in diesem Blog erwähnt habe, ist das Prinzip der Umzäunung in Chile umgekehrt: Die Ackerfrucht drinnen, das futtersuchende Tier draussen.

Seit ein paar Tagen streifen ausgesetzte Hunde in der Gegend herum und eine Ziege ist bereits verschwunden, eine weitere kam am Abend mit Bisswunden zurück zum Stall. Also bot ich an, ein Zicklein abzunehmen (50 Euro lebend) was sich gerade gut trifft, denn am Wochenende bekomme ich Besuch und gegrilltes Zicklein ist sehr lecker! Das Schlachten übernahm Don Omar. Kein schönes Geschäft, aber mit einem einzigen scharfen Messer hat er alles erledigt. Mit meiner Hilfe war in einer Stunde das Tier zerteilt und nach dem Auskühlen war noch vor Mittag alles Fleisch in der Gefriertruhe, das Fell zum Trocknen aufgehängt und die Reste verbuddelt. Gut dass die Sonne scheint, die Kühlung läuft auf Hochtouren aber mit Solarstrom.