February, 2011

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Sich durchfressen

Wednesday, February 23rd, 2011

Hier sind gerade die Brombeeren reif. Die abgeschnittene, umgehängte Plastikflasche ist das traditionelle Sammelgefäss der chilenischen Urbevölkerung. So hat man beide Hände frei zum Beerengrabschen.

Andere fressen sich ebenfalls durch: Vor ein paar Tagen habe ich feststellen müssen, dass ich Termiten im Gebälk habe. Die chilenischen Termiten sind aber etwas freundlicher als andere Sorten, sie fressen angeblich nicht überall gleichzeitig, sondern ordentlich Balken für Balken. Nur die querliegenden und auch nur einheimische Hölzer, keine Kiefer. Hoffen wir mal, dass das so stimmt. Mein Haus ist zum grössten Teil aus Kiefer. Mir wurde geraten einfach abzuwarten und gegebenenfalls Balken auszutauschen.

Die Natur gibt und die Natur nimmt, ja, ja.

Terremotos und Temblores

Monday, February 14th, 2011

In diesen Tagen bebt wieder die Erde in Chile. Das meiste ist zwischen Stärke 3 und 6, das geht als temblores (Gewackel) durch. In meinem Bett drehe ich mich dann um und warte unaufgeregt, ob es stärker wird oder gleich wieder nachlässt. Vor zwei Tagen bebte es wohl heftiger (6-7), aber ein richtiges Terremoto (Erdebeben) war das auch nicht. Es kommt immer sehr drauf an wie weit weg das Epizentrum liegt und wie tief im Boden, denn die ominöse Zahl bezieht sich auf die Energie, die dort, tief in der Erde freigesetzt wird.

Ich war auf einem Kurztrip in Argentinien mit Omar und seinen Töchtern Nicola und Barbara. Obwohl gleich auf der anderen Seite der Anden, haben wir nichts mitgekriegt. Ausser dass auf dem Rückweg der Pass gesperrt war! Der Übergang ist ohnehin nur im Sommer geöffnet und auch dann meist nur mit Allradantrieb passierbar, da ein paar kleinere Flüsse gequert werden müssen. In einen davon hatte man ein paar Rohre gelegt und mit Schotter überdeckt, ziemlich provisorisch, aber es machte die Passage leichter. Ob nun das Beben oder ein Wolkenbruch dieses Provisorium zerstört hat wurde nicht klar. Tatsache war, dass uns die chilenischen Zöllner zurückschickten, ein Umweg von 500 Kilometern brachte uns schliesslich doch noch nach Hause.

Blancas Hundehütte ist eingestürzt, möglicherweise war das Beben der Auslöser, aber Schuld war ganz klar ein Konstruktionsfehler. Ich hatte die Querbalken unten angenagelt, die haben sich mit der Zeit gelöst, eine Schande für den Ingenieur.

Landwirtschaft

Wednesday, February 9th, 2011

Einen meiner Äcker überlasse ich den Nachbarn zur Kartoffelsaat im nächsten Jahr. Dafür kriege ich einen Sack von der Ernte. Man kann nicht jedes Jahr im selben Acker Kartoffeln pflanzen, die Erde laugt sich aus und Dünger ist den Leuten zu teuer, sie produzieren ja nur für den eigenen Haushalt. Eine typische Fruchtfolge hier ist: Kartoffeln, Hafer, Brache, Weide und wieder von vorne.

Sieht alles idyllisch aus, kein Dioxin und so. Der Eindruck täuscht aber. Damit sich der alte Grasfilz überhaupt pflügen liess, haben sie vor ein paar Wochen ein Herbizid versprüht. Die Alternative wäre abbrennen gewesen, bei der Trockenheit auch nicht das Mittel der Wahl.

Das Glück des Kartographen

Monday, February 7th, 2011

In den letzten Wochen habe ich einige Touren unternommen, zu Fuss mit Hund, per Rad ohne Hund, auch mal mit Auto und Hund im Hintergrund. Die Touren, oder nennen wir sie ruhig Expeditionen, dienten auch zum Sammeln von Kartendaten für Openstreetmap. Das befriedigende daran ist, dass ich endlich die Gegend gut genug kenne, um lang erahnte Verbindungen zu ziehen. Es ist wie beim Puzzle: Wenn das Motiv immer deutlicher aus den bereits gelegten Teilen hervorscheint, dann wird das Erkennen und Einpassen eines neuen Teils fast zum Kinderspiel. Welche Freude, wenn es dann auf Anhieb passt!

(Auf das Bild klicken um zur Karte zu gelangen. Am schönsten ist natürlich die topographische Karte: Dazu rechts am blauen Aufklappmenü hinter dem (+) OpenCycleMap wählen)

Am Donnerstag fand ich den letzten unkartierten Übergang in’s Valle Diguillin; der Weg wurde sonst nur von Schmuggler zu Schmugglersohn weitergereicht.

Heute bin ich die alte Bahnstrecke von Recinto Richtung Pinto abmarschiert. Ich wusste schon ungefähr wo sie herauskommen müsste. Was ich nicht wusste war, ob die Trasse entlang des steilen Tals noch existierte oder abgerutscht war oder komplett zugewuchert. Ich hatte Glück! Sie wird teilweise als Fahrweg genutzt, dann für die Führung eines Bewässerungskanals und ist durchweg zugänglich. Ich hatte nur ca. 8 Zäune zu überklettern und ein Paar dicker Ochsen, die den Pfad komplett versperrten, mit einem rasch ergriffenen Bambusstock zu vertreiben, sonst begegnete ich keinem Menschen.

Tabula rasa

Sunday, February 6th, 2011

Zehn Minuten von hier machen die Holzfäller in diesen Monaten kurzen Prozess mit einem Kiefernwald. Die Bäume werden nach dem Fällen an Ort und Stelle von einem mobilen Sägewerk zu Balken geschnitten. Die Pflanzung war etwa 25 Jahre alt, aber weil die Kiefern hier viel schneller wachsen als in Deutschland (warum eigentlich?) sahen sie bereits sehr würdevoll aus. Hier geht kein Förster mit Kreide durch den Wald und zeichnet die Stämme, die der Holzfäller dann herausholt. Ein Forst wird in Chile komplett gepflanzt und auch komplett abgeholzt, nicht anders als ein Maisfeld. Das ist bestimmt rationeller, die kahlen, verwüsteten Hügel sind allerdings ziemlich hässlich für’s Auge. Aber hier geht ohnehin keiner im Wald spazieren.

Vor 50 Jahren waren es drei Tage mit dem Ochsenkarren

Tuesday, February 1st, 2011

Heute bin ich in 45 Minuten in Chillán. Mein Energiekonsum als glücklicher Arbeitsloser liegt immer noch bei horrenden 3900W. Schuld daran ist die 2x wöchentliche Einkaufsfahrt und der jährliche Interkontinentalflug ohne den ich als international-soziales Wesen schlecht auskomme. Auf dem Land zu wohnen wäre nur energiegünstig als echter Selbstversorger der nur einmal im Monat in die Stadt reitet den Bus in die Stadt nimmt.

Schlossbewohner

Tuesday, February 1st, 2011

Fünf Jahre lebte ich in einem Schloss, erbaut auf einem hohen Berg in der trockensten Wüste der Welt. Keine Blume blühte, nichtmal einen Kaktus, nur Steine und Geröll. Aber im Schloss gab es einen Garten und komfortable Zimmer mit Dusche und Klo. Einmal spülen wusch viele Liter Wasser durch die Rohre. Wasser, das es auf dem Berg gar nicht gab, es kam per Tankwagen von der Küste (wo es eigentlich auch kein Wasser gab, weiss Gott woher es kam). Hunderte Male spülen, duschen so lange Du willst, zwei Tankwagen täglich entleerten ihre Fracht in die Zisterne. Es gab auch Heizung, denn die Nächte in der Wüste waren kalt. Die Heizung heizte mit Strom und der Strom wurde im Betriebshof des Schlosses selbst hergestellt indem die Besatzung Gas verbrannte, das kam auch mit dem Tankwagen und der Tankwagen wurde von einem Schiff befüllt und das Schiff, ich glaube es kam aus Indonesien. Es gab dreimal täglich warmes Essen, Salat und Früchte und chicken or fish or beef. Was übrig blieb, wurde in den Abfall geleert, o ja, es gab viel Abfall auf dem Schloss. Abwasser und Abgase und Abfälle. Manchmal griff sich der Wind etwas Müll von der Ladefläche und wirbelte ihn durch die Wüste und dann sah man wie sich das Plastik an einem Stein verfing, wo es ein paar Tage bleichte bis der Wind drehte und es losmachte und es weiter Richtung Meer eilte. Jede Woche wechselte die Besatzung des Schlosses und täglich flogen zu Dutzenden die Bewohner und Besucher in silbernen Riesenvögeln tausende von Kilometern und füllten ihre Meilenkontos und freuten sich, dass sie mit ihren Meilen noch mehr fliegen durften und nannten sich Commodore und Preferente.

Ich wünschte mir in einem Schloss zu wohnen, in dem die Bewohner ihrer Umwelt angepasst leben. Soweit es eben möglich ist, aber wenn man mal drüber nachdenkt, dann werde sehr viele Dinge möglich, es fasziniert mich! Wenn ich etwas bereue, dann dass ich nie versucht habe, meine Ideen und Bedenken einzubringen. Das mindeste wäre wohl gewesen, eine Umweltgruppe zu gründen ;-) ich kann meine deutsche Herkunft nicht verleugnen. Stattdessen lasse ich mich beim Essen weiter verführen den Fisch zu nehmen und wundere mich fast zynisch, dass es immer noch Congrio gibt, aber er wird immer kleiner auf dem Teller, das schon.

Mein Energieverbrauch als Schloss-Arbeiter und wöchentlicher Flieger: 6400W Dauerleistung (berechnet mit WattzOn). Um diese Energie zu erzeugen, bräuchte ich ein Solarpanel soooo gross: