January, 2011

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Falsche Vorstellungen

Friday, January 28th, 2011

Die Solarzellen auf dem Dach fallen auf und man stellt mir Fragen. Neulich war ein Freund zu Besuch um sich die Dinger anzusehen, er hatte einen Bekannten im Schlepptau, der hier in Chillán im Solarbusiness arbeitet, er installiert nämlich thermische Solarzellen. Im Allgemeinen heizen hier alle ihr warmes Wasser für Dusche und Küche mit Gas. Das sind bei einer 4-köpfigen Familie zwei Gasflaschen pro Monat, etwa 50 Euro! Da sind die Kosten für Warmwasser-Solarpanele in zwei bis drei Jahren wieder drin. Noch haben das nicht alle begriffen, aber ich glaube, das Geschäft hebt demnächst richtig ab.

Dieser Installateur bekommt auch regelmässig Anfragen, die sich auf die Installation von Fotovoltaik beziehen, aber da er davon nicht viel versteht, muss er die leider abschlägig beantworten. Da hat er mir eine Partnerschaft vorgeschlagen: Ich mache die nötigen Berechnungen, wähle das Equipment aus und überwache die Installation. Dafür kriege ich einen ordentlichen Prozentsatz vom Gewinn. Das klang gut und wir waren schon am folgenden Tag beim ersten Interessenten.

Ein offensichtlich gut verdienender Arzt mit grosszügigem Haus. Wir sahen uns das Gebäude an, ja, da war Platz auf der Sonnenseite des Dachs für die Installation von Solarpanelen. Aber was wollte der Mann eigentlich damit? Wie und wofür will er sie nutzen? Diese Frage ist nämlich bei alternativen Energien von entscheidender Bedeutung. Bin ich bereit, meinen Alltag der Tatsache anzupassen, dass der Strom nicht mehr jederzeit und ohne Limit aus der Steckdose kommt?

Natürlich war dieses Bewusstsein nicht vorhanden. Der Doc war gar nicht zuhause, aber seine Frau, im Morgenrock und mit Migräne-Gesicht, erklärte es gehe darum, die Stromrechnung zu reduzieren. Sie leidet nämlich unter der sommerlichen Hitze, hat bereits zwei fette Klimaanlagen installiert und wollte mehr. Offenbar hatte ihr Mann erklärt, das würde zu teuer mit dem Strom. Ich sah mir das Haus an: Keine Isolierung. In den Zimmern unterm Dach strahlte die schräge Decke schon um 11 Uhr morgens kräftig Hitze nach innen. Mein Rat, das mal mit 15cm Glaswolle auszustopfen, wurde nicht weiter beachtet. Die Frau verstand offenbar den Zusammenhang nicht, der Installateur konnte dem auch nichts abgewinnen, denn er verkauft ja schliesslich kein Isoliermaterial.

Ich schlage jetzt mal den Bogen nach Deutschland. Zwar ist den Deutschen das Häuser-isolieren in Fleisch und Blut übergegangen, aber in anderer Hinsicht sind sie auch nicht weiter. Neulich las ich in der FAZ einen Artikel im Autoteil, der zum 100sten Mal erklärte, das Elektroauto könne dem Benziner niemals ebenbürtig werden. Das Laden der Batterien dauert zu lange, die sind zu schwer etc. Natürlich kommt der Konflikt daher, weil der Journalist eine feste Vorstellung davon hat, wie man ein Auto benutzt. Er will beispielsweise 1000 Kilometer nach Südfrankreich in den Urlaub düsen, ein Tankstopp und er ist da.

Es geht aber nicht darum den Benzinmotor auszubauen, einen Elektromotor einzubauen und ansonsten alles beim Alten zu lassen. Es geht vielmehr darum, unsere Mobilität neu zu erfinden. In noch schrecklicheren Worten ausgedrückt: Unsere Gewohnheiten zu ändern. Wir werden in Zukunft einfach (wieder) mit der Bahn in den Urlaub fahren, vernünftiger Gepäckservice inclusive und ein Mietelektroauto am Ziel. Wir werden weniger in Urlaub fahren und nicht so weit. Oder wir werden das Elektroauto nutzen, aber die Fahrt auf ein paar Tage strecken, mit Ladepausen, oder, oder… Das ist alles nichts schlimmes, es kann sogar netter sein, weniger stressig, definitiv ist es sehr verschieden von heutigen Mobilitätsgewohnheiten.

Für die Chilenen ginge es darum, sich auf alte Bautraditionen zu besinnen, etwa Adobe (Lehmziegel) und gebrannte Dachziegel statt Teerpappe. Früher war diese Baumaterial bei Erdbeben ein Problem, man kann die Wände heute aber stabilisieren. Drumherum ein gedeckter Gang, wunderbar um im Schatten zu sitzen und die Sonnenstrahlen treffen nur im Winter in die Fenster. Kein Mensch braucht bei solch einem Haus überhaupt eine Klimaanlage und wenige Solarzellen reichen aus, um den Strombedarf zu decken.

Man könnte diese Liste des anders-machens endlos fortspinnen. Besser als ich erklärt das der Soziologe Harald Welzer (fesselnd und ohne erhobenen Zeigefinger) in Bezug auf den Klimawandel: Die Wissenschaftler rechnen uns die Folgen unseres Lebenstils vor, die Ingenieure haben alternative Lösungen in der Schublade, die Politiker sitzen in endlosen Konferenzen, die meisten Menschen haben zumindest ein diffuses Gefühl dass etwas grundfalsch läuft, aber passieren tut … nichts.

In den Bergen

Monday, January 24th, 2011

Wozu hat mein ein Haus in den Bergen?

a) Um Jahre damit zuzubringen, es tiptop auszustatten (und niemals Zeit zum Wandern oder Skifahren zu finden)

b) Um in die Berge zu ziehen, wenn immer man Lust verspürt!

Ich gehe gerade tendenziell von Phase a) zu Phase b) über. Mein freundlicher Nachbar hat mich am Einstieg eines Wanderwegs abgesetzt, mit der Weisung, mich bitte in drei Tagen suchen zu lassen, falls ich mich noch nicht gemeldet hätte. Hier Bilder und Tourenbeschreibung. Zuviel Vorsicht war gar nicht nötig, ich war nicht alleine. Nicht etwa Wanderer traf ich, ich war der einzige im ganzen Tal. Die chilenischen Berge gehören den Arrieros, den Viehirten.

Am Abend schlug ich mein Lager auf einer aufgelassenen Alm auf, die den Vorteil einiger alter Kirschbäume besass, die Kirschen waren reif und süss. Etwas später kamen drei Männer auf Pferden und einer kleinen Herde Kühen und blieben ebenfalls. Zwei machten sich gleich auf zum Bach und fingen in einer Stunde fünf Forellen, grosse und kleine. Don Oscar blieb und erzählte mir Wissenswertes zum Viehtrieb in Chile. Zuerst mal widersprach er meiner Vermutung, dass der ganze Aufwand ja gar nicht rentabel sei.

Don Oscar: Aber natürlich ist das rentabel! Ob ich meine Leute auf dem Hof bezahle, oder in den Bergen, das ist doch egal. Nun gut, man hat Kosten für die Reise, die Pacht der Hänge, muss hin und wieder (mit dem Auto) kommen um nach den Tieren zu sehen. Aber dafür spart man sich auch das Futter im Tal.

Don Stefan: Wieviele Kühe bringen Sie auf die Sommerweide? [Anmerkung: Die 'Sommerweide' ist keine Wiese, sondern Wald und Büsche. Die Kühe fressen sich da so durch]

Don Oscar: Wir bringen alle Kühe des Fundos [Grossgrundbesitz], das sind etwa 100 inklusive der Kälber  von diesem Jahr. Die Kälber werden nach dem Abtrieb im Mai an den Schlachthof verkauft. Heute früh sind wir losgezogen und haben 30km geschafft, weiter als gedacht. Morgen früh müssen wir noch ein kleines Stück weiter, im Wald im Korral wird ein Beauftragter der Landwirtschaftsbehörde die Tiere kontrollieren. Die haben alle eine Ohrmarke mit individueller Nummer!

Don Stefan: Hundert Kühe ist ja nun nicht soviel. Sind Sie der einziger Viehzüchter, der seine Tiere hierher bringt?

Don Oscar: Nein, wir teilen uns den Nordhang mit anderen [Anmerkung: das Tal ist etwa 12km lang und bis zum Grat 800 Höhenmeter, dazu einige Seitentäler]. Das Gebiet liegt ausserhalb des Naturschutzgebiets. Bis vor 25 Jahren, als das Ñuble-Reservat gegründet wurde, beherbergte das Gebiet im Sommer 40.000 Stück Vieh, Kühe und Ziegen. Danach verbot der Staat den Viehtrieb im Reservat komplett! Es wird uns immer schwerer gemacht, unsere Traditionen zu leben.

Don Stefan: Na sowas, in Europa bekommen Landwirte, die tradionell wirtschaften, sogar Zuschüsse, gerade in Naturschutzgebieten. Damit will man die Kultur förden und das typische Landschaftsbild erhalten. Denn wenn die Kühe verschwinden, verschwinden ja auch die Almen und die Wege wachsen zu.

Don Oscar: Davon müssen Sie mir mehr erzählen. Ich würde auch gerne einmal Touristen mit auf den Viehtrieb nehmen, damit sie unsere Tradition besser kennenlernen. Die reiten dann mit uns, bekommen Pferd und Ausrüstung gestellt und wenn sie am Schluss das geflochtene Lederlasso als Souvenir mitnehmen wollen, verkaufe ich ihnen auch das. Wenn Sie jemanden kennen, der Interesse hat, gebe Sie ihm doch bitte meine email!

Die email gebe ich natürlich gerne weiter. Don Oscar ist speziell and Ausländern und/oder reichen Chilenen interessiert. Naja, ich denke zwar, dass man bei der Kulturvermittlung am besten bei den einheimischen Kindern und Jugendlichen anfängt, die reichen Schnösel sind ja alle schon verdorben, aber was soll’s. Für den Rest des Abends war ich dann Test-Tourist, bekam Forelle angeboten und Mate mit viel Zucker. Wunderbares Camping!

Sonnendach

Tuesday, January 18th, 2011

Die Befestigung der Solarpanele auf dem Dach war nicht ganz einfach. Zum einen gibt es keine Dachanker zu kaufen, ich habe die Halterungen selbst entworfen und geschweisst. Zum anderen ist das Ensemble reichlich schwer (50kg) und unhandlich (1,30m x 2,80m). Ein Kran wäre willkommen gewesen. Wir haben es mit vier Mann auf’s Dach bugsiert. Zumindest ist es da jetzt fest und sicher, die Solarzellen klaut so leicht keiner.

Nach der Installation der Panele werden die letzten Ziegel wieder eingepasst.