March, 2010

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Die Ticos gehen früh zu Bett

Monday, March 29th, 2010

Das ist der Reisebericht von unserem Costa-Rica Urlaub. Zehn Tage waren L. und ich in dem kleinen Land. Es ist in Mittelamerika zwischen Nicaragua und Panama gelegen. Für mich war es das erste Mal in den Tropen. Aus Büchern wusste ich, dass nahe des Äquators die Sonne um morgens um sechs Uhr aufgeht und Abends um sechs unter. Schnell versinkt sie hinterm Horizont und lässt das Land im Dunkeln. Es war tatsächlich so.

In der Reisebeschreibung stand: Für die Fahrt an die Karibikküste werden Sie um 6:20 im Hotel abgeholt. Ich hielt es noch für nötig, an der Rezeption Bescheid zu sagen, dass man uns bitte tatsächlich so früh zum Frühstück erwarte, aber das war unnötig. Die Costa-Ricaner, die “Ticos” wie sie sich selber nennen, beginnen  ihren Tag um sechs Uhr morgens. So kam, es, dass ich im Urlaub zwei Stunden früher aufgestanden bin als auf der Arbeit und zwar die ganzen zehn Tage lang. Es machte einfach Sinn, das Tageslicht auszunutzen. Dafür war auch spätestens um zehn das Licht aus.

Route

Die Hauptstadt San José liegt etwa 1200 Meter hoch in den zentralen Bergen, in der Mitte zwischen Karibik und Pazifik. Die Höhenlage ist eine gute Wahl, denn im Tiefland ist das Wetter viel zu heiss um einer Schreibtischtätigkeit nachzugehen (und Hauptstadtbewohner sind ja hauptsächlich mit Handel und Verwaltung beschäftigt). Der Costa-Rica-Kaffee wird auch hier oben angebaut. Die Bananenplantagen liegen  im Tiefland.

Von San José fuhren wir mit einer all-inclusive Tour für zwei Tage an die Karibikküste. Fast hätte ich mächtig Ärger mit L. bekommen, denn von der Dschungel-Lodge aus war kein Strand zu sehen. Der war allerdings leicht per Wassertaxi zu erreichen und ab dem zweiten Tag hat es sowieso geregnet.

Essen

War enttäuschend. In der Dschungel-Lodge gab es globalisierte Hotelbuffetmahlzeiten, etwa das, was ich auch auf der Arbeit in der Kantine vorgesetzt bekomme. Hühnchen, Reis, gebratener Fisch, Gemüsemischung, Kartoffelbrei. Sogar die Früchte waren internationale Standardware: Ananas, Melone, Mango, Wassermelone. Genau dieselben Sorten, Aromen und Farben an jedem Ort. Hier herrscht die industrialisierte Landwirtschaft, die auch den knallgrünen Granny-Smith Apfel produziert. Eine Mitreisende erklärte beim Tischgespräch, es gebe weltweit überhaupt nur eine einzige kommerziell bedeutsame Bananensorte. Zumindest kennt man in Costa Rica noch die Kochbanane und die ist lecker! Was essen denn die Costa-Ricaner? Hauptsächlich Reis mit Bohnen. An der Küste hatten wir hervorragende Fischsuppe und Reis mit Meeresfrüchten. Falls es noch weitere lokale Spezialitäten gibt, haben wir sie versäumt. Aber das wäre auch unsere Schuld, haben wir uns doch allzusehr auf die Touristenorte konzentriert und die sind amerikanisch dominiert. Von dem Frass, den wir dort für teures Geld vorgesetzt bekamen, schweige ich lieber.

Klima

Um die Reiseroute wieder aufzunehmen: Von der verregneten Karibikküste ging es zurück in die Hauptstadt. Dort haben wir am folgenden Morgen einen Mietwagen übernommen und sind selbsttändig zu den weiteren Hotels gelangt. Die waren allerdings vorgebucht. Erstmal ging es am Vulkan El Arenal vorbei, den  wahrscheinlich die wenigsten Urlauber je gesehen haben, so tief hängen die den Wolken. Dann um einen Stausee herum, mit lauter Feriendomizilien an den Ufern. Jede Menge Amis haben hier ihr Retirement-Home und vermutlich gibt es auch Schweizer, jedenfalls sahen wir ein Original Schweizer Bergbauernhaus inklusive Kapellchen und Kühen  (ist Costa Rica nicht die Schweiz Lateinamerikas?)

Gleich nach dem Stausee ging es bergab Richtung Pazifik und nach all dem Nebel und Regen war es urplötzlich trocken. Auch waren die Bäume nicht mehr grün sondern unbelaubt. Ich nehme an, es war einfach “Winter”. Winter im dem Sinne, dass die Laubbäume ihre Blätter abwerfen, wie es sich für die Nordhalbkugel gehört. Aber natürlich war es trotzdem sehr warm. Und paradoxerweise bezeichnen die Costa Ricaner die Zeit von Mai bis September als Winter, weil es da am meisten regnet.

Tierwelt

Es ist ja alles nicht mehr original hier. Aber dafür, dass aller Wald nur Sekundärwald ist, ist es gar nicht so übel. Nachdem man bereits vor 100 oder 200 Jahren alles kahlgeschlagen hat um die wertvollsten Stämme zu verkaufen, ist die Vegetation und die Artenvielfalt nicht so überwältigend, wie ich es mir von meinem ersten Tropenwald-Aufenthalt erhofft hatte. Immerhin gab es Affen (die Kekse klauen) und Leguane, Fledermäuse und ein paar Schmetterlinge, Vögel und Frösche. Der Vogel auf dem Bild ist ein Quetzal. Wir haben ihm mit dem Fernrohr vor seiner Bruthöhle aufgelauert, morgens um halb sieben, nach einer Tasse Costa Ricanischen Kaffees und noch vor dem Frühstück!

Fazit

Den nächsten Urlaub plane ich wieder selbst. Zwar war es angenehm, alle Vorbereitung dem Reisebüro zu überlassen, aber es ging auch viel Spontaneität verloren. Wir hätten bestimmt mehr Kontakt zu dem Menschen gehabt, wenn wir uns selber hätten “durchschlagen” müssen. Zudem wäre es billiger gewesen.

Nach Costa Rica kommen wir nicht mehr, zuviele Amis, zu schlechtes Essen, zuwenig unberührte Natur. Aber vielleicht nach Panama? Bestimmt noch nach Kolumbien!

Hilfsaktion und Gerüchteküche

Saturday, March 6th, 2010

Philippe, ein Kollege von mir, hat zusammen mit Freunden und Bekannten am vergangenen Montag eine private Hilfsaktion auf die Beine gestellt. Eine Mail and alle Arbeitskollegen in Vitacura Lebensmittel und Hilfsgüter zu spenden, brachte an einem Tag 600 kg zusammen! Sie haben das auf drei Pick-Ups geladen und sind in den Süden gefahren, in die kleinen Dörfer zwischen Cauquenes und der Küste. Noch in der Nacht haben sie die ersten Sachen verteilt, den Rest am nächsten Tag. Jeder, der etwas erhalten hatte wurde sorgfältig in einer Liste notiert. Hier gibt es Bilder von der Aktion. Die Zerstörungen in der Zone sind wesentlich substanzieller als alles, was ich in Chillán oder auf der Fahrt dorthin gesehen habe. Obwohl es keine 100km entfernt ist. Es sind aber auch alles Häuser, die nicht erdbebensicher gebaut wurden, soweit ich das nach den Bildern beurteilen kann. Hoffentlich wird das beim Wiederaufbau besser gemacht.

Während für die Leute dort nach drei bis vier Tagen noch keine “offizielle” Hilfe eingetroffen war, gab es in Chillán alles zu kaufen, was das Herz begehrt. Eine andere Welt, nur etwas über eine Stunde entfernt! Da gibt es sehr viel zu verbessern im Katastrophenmanagement in den kommenden Jahren!

Das einzige, was perfekt funktionierte, war die Gerüchteküche, befeuert von den Medien! Hilfstransporte sollen auf der Autobahn nach Concepción überfallen worden sein. An der Küste gab es jeden Tag Aufregung um angebliche Tsunamis. In Chillán behaupteten Leute mir gegenüber, es käme noch ein neues, grosses Beben.

Das Schlimme an all dem Gerede ist, daß es die Leute lähmt. Aus Angst vor Uberfällen verbarrikadieren sie sich zu Hause vor der Glotze oder rufen nach dem Militär, anstatt draussen zu sein und sich selbst und anderen zu helfen. Aus Angst vor neuen Beben, beginnen sie nicht mit den notwendigen Reparaturen.

Ausgangssperre

Friday, March 5th, 2010

In Chillan herrschte die vergangenen Nächte Ausgangssperre. Von 20:00 Uhr Abends bis 6:30 morgens darf man nicht aus dem Haus. Man darf auch nicht mit dem Auto durch die Stadt fahren, das städtische Leben ist für einige Stunden komplett lahmgelegt. Als ich es hörte, konnte ich es kaum glauben. Am Tag davor war ich durch die Stadt gefahren und fand sie kaum betroffen. Gut, einige alte Lehmziegelhäuser waren teilweise eingestürzt und das bekannte Dachziegelrutschen. Aber sonst?

Als ich später am Tag mit dem Auto in die Stadt kam, war einiges los. Erklärlich, reduzieren sich dich die Stunden beträchtlich, in denen man etwas erledigen kann. Vor dem Goßsupermarkt standen zwei Soldaten mit Maschinenpistolen und zwei weitere drehten eine Runde auf dem Parkplatz. Ich und alle anderen kauften derweil ganz normal ein. Ein paar Regale sahen etwas gelichtet aus. Butter gab es nur noch in einer Sorte, Hefe war aus. Nach Kerzen guckte ich erst gar nicht. Aber Schoki war kein Problem und Mehl wurde tonnenweise auf Paletten hereingekarrt. Die Versorgung war also gesichert.

Das klingt so selbstverständlich, ist es aber gar nicht! Die Lieferketten sind so kompliziert, wer wann was wohin liefert damit der nächste LKW pünktlich abgehen kann, das funktioniert toll wenn die Infrastruktur mitspielt. Am Samstagmorgen, Stunden nach dem Beben, war das plötzlich nicht mehr klar. Wer wusste denn ob die Ruta-5, die Panamerikana, unterbrochen war? Und wie lang? Woher kommt eigentlich das Benzin? Ist die Raffinerie geschädigt? Wenn ja, wer kann Ersatz schaffen und wie schnell? Ich fühlte mich besser, als ich vier Kilo Kartoffeln, Reis und Mehl im Schrank hatte!

In Concepción klappte die Versorgung entweder nicht, oder die Leute dort vertrauten nicht darauf, dass es klappen würde (zur arbeitsteiligen Gesellschaft gehört eine Menge Vertrauen darauf das der andere seinen Job gut macht, der Architekt zum Beispiel). Concepción lag am Boden und die Menschen glaubten nicht, dass der Supermarkt bald öffnen und ihnen verkaufen würde, was sie brauchten. Sie vertrauten auch nicht darauf, dass ihre Nachbarn nicht die Einrichtung klauen würden, durch die eingefallene Wand, während sie zum Supermark gingen. Es kam zu Plünderungen.

In Europa kann man tendenziell darauf vertrauen, dass der Nächste eine Situation nicht zum eigenen Vorteil ausnutzt. Langfristiges Denken und gemeinwohlorientiertes Handeln sind eher üblich. In Chile ist das natürlich auch nicht unbekannt, aber dennoch wird es in entsprechenden Situationen oft nicht angewandt. Gelegenheit macht Diebe. Keine Pauschalisierungen, bloss Tendenzen, aber die machen einen Unterschied und den merkt man einem Land an.

Die Ausgangssperre in Concepcion verstehe ich also, in Chillan halte ich die Massnahme für übertrieben. Aber sie ist populär. Beim Beben war eine Mauer des Gefängnisses eingestürzt und über 200 Gefangene waren geflohen. Ich weiss nicht ob die für vielfachen Mord oder für Bilanzfälschung gesessen haben. Bei der Flucht sollen sie Feuer gelegt haben, also Brandstifter? Allein in meinem Landhaus, ohne Strom und Telefon  war mir auch nicht ganz wohl.

Noch eine weitere leicht pauschalisierende Theorie zur Psyche der chilenischen Bevölkerung, der Leser möge mir verzeihen. Die Leute sind im Schnitt jünger, also impulsiver und weniger reflektiert. Ich glaube ein Haufen Jugendlicher plündert eher, als ein Haufen Rentner.

Und zuletzt eine Story aus dem Leben: Gestern Nachmittag, als ich in der Sonne im Hof arbeitete und Brennholz für den Winter herumkarrte, fiel ein Schuss, ganz nah. Ich erschrak und horchte auf aufgeregtes Rufen (“Haltet die Ausbrecher!” oder sowas). Nichts. Ich hatte schon einen Verdacht und als der junge Nachbar später vorbeikam, fragte ich ihn, ob er geschossen habe. “Ja”, gab er unumwunden zu. “Um den Ausbrechern klarzumachen, das man hier bewaffnet und verteidigungsbereit sei”. Dass man mit dem Herumgeballer die ganze Gegend erschreckt und die Gangster eher anlockt als abschreckt (denn was brauchen Ausbrecher nötiger als eine Waffe?) kam ihm nicht in den Sinn.

In Chile, Life Between the Tremors

Friday, March 5th, 2010

By Alberto Fuguet

Schadensaufstellung

Friday, March 5th, 2010

Hier zweimal das gleiche Foto, vor dem Beben:

und nach dem Beben:

Man sieht, das Haus war schon vorher eine Bruchbude, durch das Erdbeben sind aber die Ziegel herabgerutscht. Ich glaube übrigens nicht, dass es bewohnt ist. Das Ziegelrutschen ist der häufigste äusserliche Schaden, den ich auf der Fahrt in den Süden vor drei Tagen beobachten konnte. Die Autobahn war stellenweise gesperrt, marode Uberführungen mussten bis zur Räumung umfahren werden, und der Bus machte lange Umwege durch die Dörfer. Mysteriös ist, dass manchmal zwei schindelgedeckte Häuser direkt nebeneinander stehen, bei einem sind alle Schindeln weggerutscht und der Schutthaufen türmt sich unterm Dachvorsprung, beim Haus nebendran aber ist alles heil!

Bei mir war alles heil bei meinen Nachbarn sind sie gerutscht. Im Haus fällt alles aus den Regalen. Ein Haus bei Erdbeben ist wie ein Schiff in schwerer See. Unter Deck kracht und rumpelt es, wenn das Geschirr aus den Schränken fliegt. Bei fast allen, mit denen ich gesprochen habe, sind und Essig und Oelflaschen auf dem Küchenboden zerplatzt und haben sich zu einer Salatsosse vermengt. Im Haushalt ist man froh mit so einem kleinen Malheur davongekommen zu sein, in den Lagern von Industriebetrieben sind das empfindliche Schäden. Ich habe aufgeplatze Silos gesehen, 100 LKW-Ladungen Weizen flossen heraus. Chemikalien in tausenden umgestürzter Fässer. Die Mutter eines Kollegen, Weinhändlerin, verlor 5000 Liter Rotwein als ein Tank in ihrem Lager aufplatzte.

So sah die Autobahn an einer der schlimmsten Stellen aus. Das darf aber nicht zu falschen Schlüssen verleiten, wie es gerne passiert, wenn man sich das alles nur in der Glotze ansieht. Die Autobahn ist keineswegs durchgängig zur Schotterpiste degradiert, eben nur and der schlimmsten Stelle. Das Beben hat punktuell zugeschlagen. Die meiste Zeit sind wir eilig mit 120km/h dahingefahren.

Schäden an meinem Haus:

Putz ist abgefallen, als das Obergeschoss auf dem Untergeschoss hin- und hergerutscht ist:

Die Abfallgrube, Fundstelle für Archäologen in der Zukunft (Spiegel, Gläser etc.)

Hier hat sich der Anbau am Haupthaus gerieben;

Strom gab es keinen, er kehrte am Dienstag nach Pinto zurück, am Mittwoch nach Recinto und am Donnerstag war ich immer noch im Dunkeln, keine 100 Meter neben der Hauptleitung. Es dauert aber, bis alle kleinen Abzweige kontrolliert und repariert sind. Kein Strom heisst aber auch: Kein fliessendes Wasser. Das muss man per Eimer aus dem 8 Meter tiefen Brunnen ziehen. Lesen bei Kerzenlicht. Kein Telefon, denn auch der Antennenmast hängt an der öffentlichen Leitung.