September, 2009

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Die Nacht des 11. September

Saturday, September 12th, 2009

Letzte Nacht habe ich Freunde in Macul besucht. Das ist ein Stadtteil von Santiago, der deutlich ärmer ist als Vitacura oder Providencia. Die wohnen da in einem kleinen Haus mit winzigem Hof. Wie üblich, ist alles mit mannshohen Gittern verbaut. Trotzdem wurde im Juni eingebrochen und Computer, Fernseher alles geklaut. Es ist  Franzose und sie Chilenin, beide jünger als ich, ich kenne den Typ von vor vielen Jahren, als er in Paranal ein Praktikum gemacht hat.

Zwei Freunde von ihr waren ebenfalls zum Abendessen gekommen, es wurde etwas spät, es war schon schwierig auf der Hinfahrt noch einen Bus zu kriegen, der in diesen Stadtteil fahren wollte. Wir hatten uns einen ungünstigen Abend ausgesucht! 11. September, der Jahrestag des Staatsstreichs und traditionell Tag der Proteste, Strassensperren, Aufruhr und Plünderungen. In meinem Stadtteil findet das nur im Fernsehen statt. In Macul fiel um 22 Uhr der Strom aus. Die Autonomen hatten die Stromleitungen gekappt! V. holte eine Batterielaterne mit eingebautem Radio. Wir suchten Sender, die live von den Ausschreitungen berichteten (Autos mit Steinen beworfen, fünf Carabineros verletzt etc). Ausser Radio Cooperativa brachten jedoch alle Sender weiter bloss Musik. V. erwähnte zum ersten mal die zusätzliche Bettstatt, die man aufstellen könnte. Ich war wenig begeistert, auf eine Übernachtung war ich nicht eingerichtet, ich hatte Pläne am Morgen, konnte man nicht ein Taxi rufen? Um 23 Uhr zogen wir uns Jacken über und traten auf die menschenleere Strasse. Ein paar Wagen fuhren mit Fernlicht und hoher Geschwindigkeit, die Ampeln waren ausgefallen. Irgendwo fielen Schüsse. Ein brenzliges Gefühl in Augen und Nase stellte sich ein, das mussten Tränengasschwaden sein die von Ferne (oder doch näher?) herangezogen kamen. Wir gingen zurück ins Haus und schlossen alle Türen und Fenster. Eine etwas angespannt-nervöse Stimmung stellte sich ein. Was würden wir tun, wenn die Kämpfe und Plünderungen in unserer Strasse begännen? Handys funktionierten noch, aber die Polizei würde uns wahrscheinlich nicht beistehen können: “Was sagen sie? Aufrührer in Ihrer Strasse? Nicht nur bei Ihnen, alle Kräfte sind im Einsatz, verteidigen Sie sich selbst so gut sie können!”. K. rief ihre Mutter an um durchzugeben dass noch alles in Ordung war. Die Mutter hatte schon geschlafen. Die Freunde machten richtig Weltuntergangsstimmung: Es sei dasselbe Gefühl wie zu Pinochets Zeiten wenn Ausgangssperre war (behauptete K., die am Ende der Diktatur höchstens zehn Jahre alt war). Wir spielten Karten bis der Wein zuende war. Dann bezogen wir die Matratzenlager.

Am nächsten Morgen war der Spuk vorbei. Die Sonne schien, es begann ein warmer Frühlingstag. An der Ecke hielten wir ein Taxi an und fuhren durch die breiten Strassen ins Zentrum. Die Läden waren offen, es gab wieder alles zu kaufen und die Menschen waren geschäftig. Unsere Kriegsnacht war vorbei.