February, 2009

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Mit Stumpf und Stiel

Friday, February 6th, 2009

Während L. und ich auf Wanderschaft waren, gelang es den Ziegen in das umzäunte Gelände rund ums Haus einzudringen wo ich begonnen hatte, einen Garten anzulegen. Bäume waren gepflanzt, den ganzen Sommer über hatten wir bewässert und sie sind schön gewachsen. Die Herde hat alles vernichtet. Vermutlich in weniger als einer Stunde haben sie die Bäumchen geknickt, entrindet und alles Laub gefressen. Es sind Monster. Die Arbeit von einem Jahr ist dahin und nicht nur die Arbeit, vor allem um die Zeit tut es mir weh. So ein frisch gepflanztes Bäumchen braucht an die fünf Jahre bis es einigermassen nach was aussieht, Schatten spendet und Früchte trägt. Ich kann doch nicht ständig von vorne anfangen.

Die Ziegen gehören der Nachbarin. Auf dreissig Tiere ist die Herde angewachsen, dabei hat selbst nur etwas mehr als 1 Ha Weideland und das Gras dort ist so dünn und vertrocknet nach Jahren der Überweidung, das ernährt vielleicht ein einziges Tier. Stattdessen lässt sie die Viecher durch die Grundstücke der Nachbarn ziehen. Einer lässt sein Land brachliegen, dem ist es egal, der andere hat Eukalyptus gepflanzt, an den gehen die Ziegen nicht und das Gras das zwischen den noch jungen Bäumen wächst, mögen sie wohl fressen. Die anderen Nachbarn ziehen Zäune, so gut es geht.

Der erste Bock, den sie sich auslieh um die Ziegen zu bespringen, kannte sich nicht aus, fiel in das Wasserloch (das auch ihr Haus mit Trinkwasser versorgt) und versoff. Ein Jahr später kommt ein neuer Bock vor der Zeit und nachdem schon die Hälfte der Herde gedeckt ist, bindet sie ihn schliesslich mit einer Kette an einen Baum, bis ein Nachbar ihn kastriert. Bis dahin hat das prächtige Tier mit seiner Kette den Baum entrindet (ein nicht minder prächtiger Baum war das, ein Avellano, mondestens vierzig Jahre alt). Die Zicklein kamen mitten im Winter zur Welt und wurden mit Heu gefüttert, das aus Unterstützungsfonds der Gemeinde Bauern zugesteht. Dass man als Tierhalter vielleicht auch mit Futter für den WInter vorsorgen sollte, war ihr vorher nicht in den Sinn gekommen und da steht sie nicht allein, das machen dort alle so, wenn man die dürren Tiere im Winter auf den kahlen Weiden sieht kriegt man selber Hunger und fühlt sich nass und kalt.

Die Situation ist nicht untypisch für die arme Landbevölkerung. Denn entgegen romatischen Annahmen über das idyllische Landleben, reicht der Betrieb nichtmal aus um den Eigenbedarf zu decken. Zu einem guten Teil ist das der Unkenntnis darüber geschuldet, wie man eine Landwirtschaft richtig betreibt. Elementare Grundkenntinsse über Ackerbau und Viehzucht sind nicht vorhanden. Alles wirkt irgendwie improvisiert und geht ganz oft in die Hose. Der ursprüngliche Plan der Nachbarin war die Zucht einer speziellen Rasse (Burenziege). Die Idee stammte aus einem Fortbildungsprogramm für Landbewohner. Aber schon im zweiten Jahr kam ein ganz gewöhlicher Bock, was halt verfügbar war, und heute streunen 30 Ziegen durch die Nachbarschaft, ohne Plan und Ziel. Verkauft hat sie diesen Sommer auch nur zwei, die etwa 60 Euro decken wohl nichtmal ihre Kosten, geschweige denn die Schäden am Land der Nachbarn.

Kostendeckend und professionell arbeiten in Chile nur einige landwirtschaftliche Grossbetriebe (Fundos). Ich habe aber keine Zahlen um das zu belegen. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es keine Tradition bäuerlicher  Familienbetriebe und zumindest in der Gegend von Chillán auch keine Genossenschaften, die etwa den Verkauf con Milch oder Getreide gemainschaftlich organisieren würden um bessere Preise zu erzielen. Die Bauern die ich kenne, pflanzen in einer Art Vierfelderwirtschaft: 1. Jahr Kartoffeln 2. Jahr Hafer oder Weizen 3. und 4. Jahr Brache (Weide). Gemäht wird mit der Sense, gedroschen mit einer museumsreifen Maschine. Idyllisch ist das aber allemal, und sehr lebensfroh wird beim Dreschen dem Wein zugesprochen! Leider kein Tanz auf dem Heuboden.

Die Täler des Puma

Friday, February 6th, 2009

Ich habe Libby zu einer drei-Tages-Wanderung in das Ñuble-Reservat überredet, das ist etwa zwei Stunden Fahrt von meinem Haus im Gebirge, die letzten zehn Kilometer kann man nur mit Allradantrieb erreichen. Ich muss im Nachhinein zugegeben: Die Tour mach man am besten zu Pferd, zumindest der erste Tag war zu Fuss eine Schinderei.

Nach dreiundzwanzig Kilometern erreichten wir die Termas Los Peucos und waren hingerissen: Sorgfältig angelegte Becken mit verschiedem temperiertem Wasser, das grösste Becken war so heiss, man brauchte lange um zentimerweise hineinzurutschen. Dann aber war es grossartig unter den Sternen im heissen Wasser zu quellen. Mittlerweile war es Nacht.

Am folgenden Tag wären wir so gerne geblieben, doch der Wagen der rollt, zwei Tage später musste ich wieder bei der Arbeit sein. Wir sind dann über Almen, wo Pferde und ein paar Kühe grasten zu einer Passhöhe gelaufen und an der andern Seite wieder runter. Almen, schreibe ich. Besser wäre: Sommerweiden. Denn mit einer Alm im Alpenstil hat das wenig gemein. Die Weide ist ungepflegt, das Vieh steht zwischen Büschen und im Sumpf, ich frage mich, wie sie die Kühe im Herbst wiederfinden. Die Hütten für die Cowboys sind auch eher provisorisch.

In der zweiten Nacht bauten wir das Zelt irgendwo an einer Wegkreuzung auf, nahe eines Bachs. Der Himmel  zog sich zu und nach dem Essen machte ich Feuer. Ganz klein und mit trockenem Holz, der Wind hatte aufgefrischt und ich wollte keinen Waldbrand verursachen. Die Dämmerung kam und plötzlich hörten wir Schreie im Wald. Oder vielmehr, ein singendes Rufen. Ich erklärte Libby, das seien wohl Hirten, die sich über die Täler hinweg in einem Jodel-Singsang über die morgigen Pläne verständigten (das Jodeln kommt wirklich daher, habe ich gelesen! Die singenden Töne tragen weiter…). Es war nun wirklich dunkel und ein bisschen unheimlich und mit dem letzten Scheit den ich auflegte, hatte ich einen brenzligen Geruch inder Nase. “Marihuana” sagte Libby in diesem Moment, sie hatte es auch gerochen. Was war los? Stand da ein Jodler mit einem Joint im Wald und schaute uns beim campen zu? Wir leuchteten die Bäume aus, nichts. Also entweder gibt es da oben eine Pflanze, die genauso riecht, oder jemand hatte beim porro-drehen ein paar Krümel fallen lassen, die genau in diesem Moment in Rauch aufgingen.

Später begann es zu regnen und wir krochen ins Zelt. Pferdegetrappel draussen. Dann wieder Stille, dann ein wiehern. Ich leuchte heraus und sehe nichts. Minuten später wieder das Geräusch von schweren Hufen. Diesmal sehe ich das Tier. Es ist ein Packpferd, offenbar ausgerissen, der Sattel mit den leeren Tragegestellen hängt ihm schief an der Seite. Es Lässt sich willig von mir an der Leine nehmen und an einen Baum binden. Den Sattel nehme ich ihm ab, heute Nacht wird keiner mehr kommen, bei Nebel und Regen sieht man die Hand vor Augen nicht und die chilenischen Cowboys haben keine LED-Stirnlampen, so wie wir!

Libby ist superstolz: Wir haben ein Pferd erbeutet. Am Morgen will sie es mit den Rucksäcken belanden und leichtfüssig zurück zur Rangerstation laufen, das Pferd hinterdrein.