April, 2006

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Felsmalereien

Friday, April 14th, 2006

Mein Kollege Gerd Hüdepohl ist auch so ein ewiger Reisender. Für meine drei freien Tage in der Atacama hat er mir empfohlen, nach den Felsmalereien am Rio Loa zu suchen. Das tat ich denn. Und davon gibt es nach all diesen textlastigen Ochsenkarren-Blogs endlich mal wieder eine Fotostrecke!

Ochsenkarren überholen (2)

Tuesday, April 4th, 2006

Traiguén liegt auf einem Hügel in gewellter Landschaft. Die Sonne hat Felder und Wald unbarmherzig ausgetrocknet so dass alle Farben ins gelbliche getönt sind. Das Städtchen ist quadratisch angelegt mit Häusern von ein bis zwei Stockwerken. Eine Möbelfabrik aus den dreißiger Jahren ist das imposanteste Gebäude . Sie produziert heute noch, allerdings nichts was mir gefiel.


Das Städtchen hat eine große Vergangenheit und eine große Zukunft. In der Vergangenheit waren die Möbel die hier von Beller & Brunner gebaut wurden massiv und schwer, sorgfältig verarbeitet und in einem klassischen Stil. Ich stelle mir vor, dass heute noch viele dieser Möbel in den kleinen Häusern stehen.

Die Zukunft dagegen gehört den Kindern. Noch nie habe ich soviele “Pinguine” gesehen. So heißen sie wegen ihrer gleichförmigen Schuluniformen. In Scharen strömen sie aus den Schulen und hinter jeder Kreuzung scheint eine andere Schule jetzt zur Nachmittagszeit ihre Tore zu öffnen. In Gruppen sitzen sie im Schatten der Bäume auf der Plaza de Armas. Vorsichtig holpere ich mit dem Auto über das Kopfsteinpflaster auf der Suche nach einem Museum was im Reiseführer erwähnt wird. Ein Bauernlümmel prescht mit einem zweirädrigen Pferdekarren durch die Straße, mit nacktem Oberkörper und braungebrannt, ein kleiner Ben Hur. Die Pinguine gucken verstohlen ein bisschen neidisch und bewundernd.

Ich parke den Wagen an der Ecke Balmaceda / General Lagos und dränge durch die Schülerprozession auf dem Bürgersteig in das Museum für zeitgenössische Kunst. Oje. Da hängen Bilder in allen Farben des Malkastens. Zorro auf seinem aufbäumenden Pferd als schwarzer Schattenriss vor roter Abendsonne, eine Meerjungfrau mit rosa Haut und kugelrunden Brüsten hat die Gesichtszüge einer Schönheit aus dem Vorabendprogramm. Wurzeln sind auf hölzerne Ständer geschraubt und die fröhliche Museumsbetreuerin erklärt mir, daß in allen Vögel zu sehen seien. Ich weiche einem kugelrund ausgestopften Puma aus. Das einzig für mich interessante ist ein Album mit Fotografien von alten Kollektionen der Möbelfabrik.

Deutschlandradio

Monday, April 3rd, 2006

D-Radio hatte letzthin zwei Sendungen zu Chile im Programm. Einmal ein Interview mit einem Schriftsteller und Wissenschaftler über die Aufarbeitung der Militärdiktatur. Und dann ein Feature über die Deutschstämmigen in Chile. Ich fand beide Sendungen sehr gut.
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Ochsenkarren überholen (1)

Monday, April 3rd, 2006

Für ein paar Tage war ich im chilenischen Süden. Habe Städtchen und Dörfer bereist, die man nicht kennen muß und in der Tat wissen auch die Chilenen, denen ich von dieser Fahrt erzählt habe, nicht wo Angol, Queule oder Carahue liegen und was dort zu finden sein könnte. Ich fand in Angol einen richtig schönen Plaza de Armas mit einem blauen Bassin in der Mitte um das die Kinder des Städtchens kreischend herumrennen. Die Leute in Carahue haben tonneschwere fahrbahre Dampfmaschinen aus rostendem Eisen zusammengeholt und auf der Balmaceda, der Promenade, ausgestellt. In Queule endet die Straße. An der Mole sind Fischerboote festgemacht und dümpeln im schwarzen Wasser, das an dieser Stelle noch nicht der Pazifik ist sondern ein langsamer Fluß der sich durch die Salzwiesen schiebt und erst um die Ecke, hinter dem Kliff in den Pazifik mündet. In der Brandung mischen sich Süß und Salzwasser und ich frage mich, wie die Fischer hier mit ihren Booten zwischen Wellen und flachen Sandbänken die Durchfahrt finden.
Die Straße geht dann aber doch weiter, das heißt, man muss ein kleines Stück zurück und dann so steil die Klippe herauf dass man den ersten Gang einlegen muß sogar der hubraumige Motor meines Pickups stockt mit dem ich sonst gelassen bei 30km/h und im vierten Gang die Ochsenkarren überhole. Ist man oben brandet hundert Meter tiefer der Pazifik gegen grüne Klippen und in verborgenen Buchten. Der Wind weht einen fast von der Straße und reißt den Schaum von der Brandung als Gischt in die Luft. In Mehuín, dem nun wirklich letzten Ort, denn dann kommt die Küstenkordillere ganz an den Pazifik und die Straße weicht aus in’s Hinterland, hat gleich hinterm Strand und geschützt von grün überwucherten Steilhängen Gudrun Baecht ihr Hotel gebaut. Es ist so Chile-untypisch, dass es sofort ins Auge sticht: ein weitläufiger weiß verputzer Bungalow mit großen Fenstern. Ich gehe zum Essen ins Restaurant und bin wie fast immer auf dieser Reise der einzige Gast. Die Wirtin raucht Kette und erzählt mir mit rauher Stimme wie es vor vierzehn Jahren war, als sie in Chile ankam. Damals gab es im Nachtbus noch Aperitiv und ein Menü mit Wein vor dem Einschlafen. Heute wirft einem am Morgen der Auxiliar (Bus-Steward, den gibt es noch) ein Plastiktablett in den Schoß, wovon man aufwacht und sich dann aus mehren Lagen Folie ein eingetrocknetes Käsessandwich, Nescafe und Kaffeweißer herausreißen muss. Heute ist das Land demokratischer und der Service genauso mittelmäßig-standardisiert wie auf der ganzen Welt.


Die Ochsenkarren fand ich das schärfste! Einmal, am Lago Budi, vor mir ein Gespann, dann eins entgenkommend und der Weg nur so breit wie zwei Ochsen nebeneinander eben Platz brauchen. Die Bauern hatten alle Mühe die dämlichen Tiere, die am Joch mit den Hörnern zusammengebunden sind, in einer Einmündung mit Stockschlägen und ho-ho-Rufen aneinenander vorbeizubugsieren. Das war im Mapuche-Land, dort wo heute noch die meisten Ureinwohner leben und bescheidene Landwirtschaft betreiben. Bohnen und Kartoffen bauen sie an, erklärt mir der Bauer, den ich mit seinem Sohn mitnehme. Sie zeigen mit dafür die Strasse nach Süden denn im Gewirr der ungepflasterten Karrenwege hat mal ein Schild gefehlt und ich mich verfahren. Die beiden sitzen im Fond und verbreiten einen würzigen Geruch. Und den lokalen Sender auf 107.9 soll ich doch hören empfiehlt der Bauer. Der Junge sagt nichts. Ich schalte das Radio ein. Sie senden den weltweit üblichen Ami-Rock und Pop und zwischendurch, nach einer unverständlichen und längeren Ansage, Indianergheul-Gesänge. Inzwischen habe ich die beiden abgesetzt und fahre näher an der Küste. An einem ungepflegten Campingplatz steige ich aus und laufe zwischen folkloristischen Picknicktischen mit vom Wind verrissener Schilfeindeckung über die Dünen an den Strand. Eine Schar Geier macht sich da über einen Kadaver her. Und zwei Hunde lauern; als sie mich kommen sehen, verbellen sie mich.
Etwas weiter frage ich einen alten Bauern nach dem Weg. Er geht zwischen seinen Feldern spazieren, die Söhne graben die Kartoffeln aus. Ich sehe sie nicht, weil überall Hecken den Weg und die Felder begrenzen. Wieviele Hektar Land er hat weiss er nicht, oder mag er nicht sagen. Aber er jammert über den Kartoffelpreis. 1600 Pesos bekommt der für den Sack, bei 400 Pesos Kosten. 1600 Pesos sind etwa 2,50 Euro. In Santiago wird der 50kg Sack im Großhandel für 6800 Pesos gehandelt lese ich später im Mercurio. Ich bin nicht sicher, ob ich seine Zahlen richtig verstanden habe. Zwanzig Kilometer vom Land des Alten entfernt sind die Hügel sanfter und die Felder ausgedehnt. Dort gräbt kein Mapuche-Bauer die Kartoffeln mit der Hacke aus der Furche. Stattdessen fährt der Trecker mit Kartoffelroder. Meine kurze Reise, mit Flug und Mietwagen, Essen und Übernachtungen hat etwa 400.000 Pesos gekostet. Nach den letzten beiden Touren mit Bussen und Fahrrad wollte ich es diesmal unabhängig und bequem.

Im Hotel ‘El Nogal’ schmecken die Machas a la Parmesana wirklich ausgezeichnet, aber das Kartoffelpürree zum Hauptgericht erfüllt meine Erwartungen an handausgegrabene und mit Liebe pürierte Kartoffeln nicht. Für Frau Baecht ist allerdings das Mapuche-Land um den Lago Budi ein scharzer Fleck auf der Karte und aus ihrer Stimme klingt Abscheu. Irgendwie erinnert sie mich an eine gealterte Nazi-Größe.