Casa Chillán

...now browsing by category

Building my house

 

Kurzbesuch in Chile um nach dem Rechten zu sehen

Wednesday, September 3rd, 2014

Das Haus ist zurzeit vermietet, aber meine Mieter waren superfreundlich und haben mich bei sich wohnen lassen. Wir haben uns gut verstanden und sie haben lecker gekocht. Dafür habe ich dann ein paar Verbesserungen vorgenommen.

Die Westfassade bekam eine wetterfeste Verbretterung mit Eternit.

Ein Qualitäts LED-Strahler aus Deutschland leuchtet den Hof besser aus (so ein Scheinwerfer war in den USA nicht zu bekommen, hier gibt’s nur China-Schund der nach drei Monaten hinüber ist).

Skifahren war ich auch, Riesenspass. Megafun, das will mein neuer Nachbar auch. Ein junger Amerikaner ist dabei das 12-Hektar Grundstück neben mir zu kaufen und will dort eine Motocrossbahn einrichten. Das wäre die Hölle, infernalischer Lärm und Staub ohne Ende. Mal sehen, was daraus wird. Vielleicht gelingt es mir noch, ihm das Grundstück wegzuschnappen, ich habe ein Gebot abgegeben,  obwohl ich ja nie Grossgrundbesitzer werden wollte. Aber selbst wenn er den Zuschlag bekommt, ich bin mir ziemlich sicher, dass sich die einheimischen Nachbarn die Belästigung auch nicht gefallen lassen.

Temperatursturz um 40 Grad

Saturday, July 7th, 2012

Seit zwei Wochen sind L. und ich wieder in Chillán, zum Sommer-Winterurlaub auf der Südhalbkugel. In den Tagen vor dem Abflug hatte es an die 40 Grad in den New Yorker Straßenschluchten und 38 Grad in der Wohnung (unmöglich zu schlafen, wir haben daraufhin eine Klimaanlage gekauft). Der Urlaub im Südwinter kam da gerade recht. Nachts ist es hier am Fuß der Anden knapp unter Null, aber wenn die Sonne scheint, auch gerne plus zwanzig Grad, bis sie hinter der Eukalyptuspflanzung meines Nachbarn im Westen verschwindet, dann wird es wieder kalt. Zwischendurch regnet es auch, drei oder vier Tage am Stück, ich liebe dieses Wetter!

L. hat einen Obstgarten angelegt, zwanzig Bäumchen der Sorten Birne, Apfel, Pfirsich, Mandel und Aprikose. Wir haben den Zaun verstärkt um den Ziegen den Eintritt sicher zu verwehren. Dazu mussten Pfostenlöcher ausgehoben werden und ich hatte ein chilenisches Freundespaar, das uns besuchte, dazu anstiften zu können ihr Wochenende mit etwas körperlicher Anstrengung noch intensiver zu gestalten. Die beiden sahen das durchaus positiv und haben dann genau ein Loch produziert. In der Vergangenheit war ich erfolgreicher, ein Freund aus Frankreich spaltete einmal einen ganzen Nachmittag Brennholz. Zur Rettung der Ehre der beiden Chileninnen muss ich aber sagen, dass sie sich der Küche bem?chtigten und Kürbisbrot und Kürbissuppe produzierten (wir hatten von zwei Nachbarn Kürbis geschenkt bekommen und Kürbisse sind gewaltiges Gemüse).

Wo ich gerade vom Essen spreche – an einem Abend waren wir eingeladen und es gab Hirschbraten. Hirsche laufen in Chile nicht frei herum. Das Exemplar kam aus einem Gehege nicht weit von unserem Haus. Es war sehr lecker, aber plötzlich hatte ich einen scharfen Schmerz im Kiefer – ich hatte auf eine Schrotkugel gebissen. Schiesst man Hirsche denn mit Schrot? Mir kam das sehr unweidmännisch vor. Eine kurze Internetrecherche deutet in der Tat darauf hin, dass hier ein Stümper am Werk war, ein “Teilmantel-Verbund-, besser noch mit Trennkern, d.h. Zweikammergeschoss oder Homogengeschoss” wäre hier die richtige Wahl gewesen.

Einsichten eines frischgebackenen Unternehmers

Tuesday, May 10th, 2011

Die Wanderkarte aus Openstreetmapdaten, an der ich viele Wochen gearbeitet habe, ist endlich fertig und gedruckt! Eine Druckerei in Chillán hat 200 Exemplare für mich angefertigt, in exzellenter Qualität und fertig gefaltet. Ich stecke die Karten nur noch einzeln in Klarsichttütchen und dann heißt es Klinkenputzen. Heute Nachmittag bin ich gleich losgezogen und habe sie dem Besitzer-Paar eines kleinen Cafés angeboten, etwas weiter die Straße hinauf und einem Tante-Emma-Laden im nächsten Dorf, in dem auch viele Touristen einkaufen. Man hat mir die Karte nicht gerade aus den Händen gerissen, aber ich habe immerhin drei verkauft und natürlich habe ich mein Kärtchen dagelassen, damit sie Nachschub bestellen können.

Das ist ein irres Gefühl, wenn Dir die Ladeninhaberin Geld rüberreicht und nicht umgekehrt. Ich habe sie erstmal irritiert angesehen, bevor ich die Scheine eingesteckt habe, so nach dem Motto: “Das ist für mich?”

Um meine Auslagen wieder hereinzuholen, muss ich 60 Stück verkaufen. Danach schreibe ich schwarze Zahlen. Das erscheint mir machbar.

Nachdem ich so in die Welt des Unternehmertums eingetreten bin, fühle ich mich kompetent um einen ganz anderen Deal zu kommentieren, den ich heute in der Zeitung las. Microsoft kauft Skype für 8.5 Milliarden. Mein Kommentar: Entweder haben sie den Verstand verloren, oder sie spekulieren darauf in ein paar Jahren einen noch grössenwahnsinnigeren Käufer zu finden.

Skype ist technisch gesehen nichts Besonderes. Im Prinzip könnte ich das auch programmieren. Zugegeben, sie haben enorm viel Know-How was die Datenkompression angeht. Das Programm funktioniert sogar für meine täglichen Amerika-Telefonate über mobiles Internet, selbst bei schlechter Verbindung ist meist noch ein brauchbares Video möglich. Für diese Leistung zolle ich Skype immensen Respekt. Aber das ist nichts, was ein gutes Team von Programmierern und Nachrichtentechnikern einer Konkurrenzfirma nicht auch zustande brächte.

Es gibt da aber einen weiteren Aspekt, der mit der Durchleitung der Skype-Verbindung durch das Internet zu tun hat. Im letzten Jahr hat der Begriff Netzneutralität einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Ich erläutere das kurz: Im Internet werden Datenpäckchen, Bits und Bytes elektrisch und über Glasfaserleitungen verteilt. In der ursprünglichen Konzeption des Netzes sind dabei alle Päckchen gleichberechtigt: Das Netz ist neutral.

Stellen wir uns eine Autobahn mit mässigem Verkehr vor. Wie die Autos, flitzen die Datenpäcken hin- und her. Darunter sind viele Bunte die transportieren Webseiten, sie kommen gerne im Pulk. Die Skype-Datenautos dagegen sind hellblau und es fahren ziemlich viele davon, eilig hintereinander. Manchmal ist viel Verkehr und es kommt zum Stau. Hier stimmt nun die Analogie nicht mehr ganz. Anders als auf der Autobahn wo dann Mercedes und Fiat einträchtig nebeneinander stop-and-go fahren, können die Betreiber der Datenleitungen heute entscheiden, gewisse Fahrzeuge (Dienste) privilegiert durchzulassen. Oder andere gar völlig zu sperren. So könnte zum Beispiel die chilenische Telefongesellschaft, die mir ja auch Internet verkauft, meine Skype-Verbindung hemmen, mit dem Argument ich solle besser das Handy nutzen. Das wäre natürlich keine Alternative bei Gesprächspreisen von 2 Euro pro Minute (interessanterweise gehen diese Gespräche in der Praxis über die gleiche Datenleitung wie das Internet, da kann man mal sehen, wie bizarr sich die “freien Märkte” entwickeln). Entel sperrt mein Skype-Telefonat aber nicht, man könnte sogar fast meinen, dass sie es besonders schnell durchleiten. Und hier meine Mutmaßung: Skype hat Vereinbarungen mit den Netzbetreibern getroffen um gute Verbindungsqualität zu sichern. Und es gibt den Plan, für Skype-Verbindungen in Zukunft Geld zu verlangen. Der Benutzer hätte dann eben keine Alternative mehr, denn selbst wenn ich ein eigenes Skype-ähnliches Programm schreiben würde, so wären meine Datenpäcken gehandicapt und es käme nie eine befriedigende Gesprächsqualität zustande.

Das ist im Moment die einzige Erklärung die mir einfällt, um diesen exorbitanten Kaufpreis zu rechtfertigen: Skype wird in Zukunft Gebühren verlangen. Denn mit den paar cent für gelegentliche Skype-zu-Telefon Gespräche (SkypeOut) können sie im Leben keine 8.6 Milliarden verdienen (von mir gab’s 20 Euro in drei Jahren).

Die nächste Welle der Konzentration

Friday, May 6th, 2011

Heute habe ich mich mal hingesetzt und ein wenig USA Recherche betrieben. Welche Städte sind angesagt? Wie ist das Wetter dort? Kann man mit dem Fahrrad fahren? Gibt es öffentlichen Nahverkehr? Wie ist der Stellenmarkt?

Für alle diese Fragen gibt es Seiten im Netz. Mir ist aufgefallen, dass da heute noch unheimlich viel Redundanz drinsteckt. Etwa bei den Wetterseiten, auf Anhieb habe ich fünf verschiedenen Seiten gefunden, die mir alle die gleichen Klimadaten zeigten, teilweise als Tabellen, anderswo als Grafik. Die Qualität der Seiten war sehr unterschiedlich: Auf einer Seite die ganz hübsche Grafiken hatte, war die Stadt Austin (Texas) partout nicht aufzufinden. Die ideale Klimaseite habe ich noch nicht entdeckt, zum Beispiel scheint die Umrechnung in Grad Celsius statt Fahrenheit eine unerfüllbare Anforderung zu sein.

Angesichts dieser nutzlosen Vielfalt wage ich die Vorhersage, dass in einigen Jahren maximal zwei Klimaseiten “überleben” werden. Sobald sich einmal eine Seite mit einer funktionierenden Suche und übersichtlichen Grafiken etabliert hat, hat sich die Daseinsfrage für den Rest erledigt. Vielleicht heisst diese Seite schlicht und einfach Google Climate. So wie schon Google Maps, Google Showtimes (für Filme), Google Transit (super Sache für Verbindungssuche, wenn’s funktioniert).

Natürlich beziehen sich meine Voraussagen auf den alltäglichen Bedarf des allgemeinen Publikums. Während eine Standard-Wettervorhersage an 90 von 100 Tagen ausreicht, ist daneben sicher noch Platz für eine informative und schnelle Tornado- und Hurrikan-Warnungs-Seite. Spezielle Anforderungen in Industrie und Forschung werden sowieso immer spezielle Karten (oder Klimadatenbanken) erfordern. Programmierer werden nicht arbeitslos.

Besonders hinderlich ist die Vielfalt bei den Seiten für Stellensuche. Die wollen auch noch alle, dass ich mich bei ihnen registriere. Bei zehn Job-Suchmaschinen, acht davon totaler Schrott, grottenlangsam und ohne passende Angebote? Ich glaub’ es hackt. Jetzt habe ich einen Super-Aggregator gefunden und ein feed draufgesetzt (juju heisst das Ding).

Die Ergebnisse notiere ich in einer Mindmap, auch online und mit der Möglichkeit der Online-Zusammenarbeit.

‘Daemon’ und ‘Darknet’

Sunday, May 1st, 2011

Ein ganz interessantes Interview heute in der FAZ mit dem Autor Daniel Suarez (dessen Bücher ich nicht kenne). Hir ein paar Absätze aus der Mitte, es ist ziemlich lang:

Ich bin überzeugt davon, dass die plötzliche Fixierung auf „Sicherheitsgesetze“ sowohl im virtuellen Raum als auch in der physischen Realität aus der Erkenntnis resultiert, wie anfällig die moderne Welt – vor allem die Weltwirtschaft – selbst für geringfügige Störungen geworden ist. Mit diesem Trend geht die rasche Abkehr vom Rechtsstaat im Namen der „nationalen Sicherheit“ einher, wie etwa der Verlust an persönlichen Freiheitsrechten und das fortgesetzte Abhören ohne richterlichen Beschluss. Die rasche Aufgabe hochgeschätzter und schwer erkämpfter Rechte zeigt, dass hier etwas ganz falsch läuft. Historisch gesehen, geben Gesellschaften die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit auf oder pervertieren sie, wenn die Obrigkeit sich bedroht fühlt. Aber ich möchte behaupten, dass in vielen Ländern der Staat nicht mehr Träger der politischen Macht ist, sondern nur noch ein Agent der wahren Machthaber – des Ökosystems multinationaler Unternehmen. Und genau dieses System ist nun bedroht. Warum? In einem Wort: Effizienz.

Im letzten Jahrhundert hat das auf privatwirtschaftlichen Firmen basierende System weltweit in allen Industrien die Herrschaft errungen. Und das Grundprinzip von Firmen ist Effizienz. Die Konsolidierung der Landwirtschaft, der Medien, des Finanzwesens, der Telekommunikation, des Energiesektors et cetera in Großunternehmensstrukturen hat weite Teile des „Fettpolsters“ unserer Infrastruktur abgeschmolzen, die Profite erhöht und das Management zentralisiert. Doch solche „Fettpolster“ haben in der natürlichen Welt eine wichtige Funktion – sie helfen dem Organismus, plötzlich auftretende Probleme zu überleben. Und solche Probleme treten früher oder später auf: Unterbrechungen in der Versorgung mit Rohstoffen und anderen Ressourcen wie Öl, Trinkwasser, Kapital oder dergleichen; größere natürliche oder vom Menschen gemachte Katastrophen, subversive Aktivitäten von Außenseitern wie Terroranschläge oder von skrupellosen Insidern, etwa Wall-Street-Bankern.

[...]

Unsere Infrastruktur zeigt inzwischen vielerorts beträchtliche Mängel, die niemand von denen, die an der Macht sind, eingestehen und für deren Reparatur niemand zahlen will. Darum glaube ich, dass die Mächtigen begonnen haben, sich in Erwartung eines sozialen Zusammenbruchs einzubunkern, eines Zusammenbruchs, zu dem es kommen wird, wenn die öffentliche Infrastruktur oder die Wirtschaft zusammenbricht. Natürlich möchten die Regierenden das so lange wie möglich hinausschieben, aber da es an gemeinsamen Anstrengungen zur Behebung der strukturellen Mängel fehlt, wird die Weltwirtschaft eher früher als später kollabieren.

Solarstraßen

Saturday, April 30th, 2011

Es geistert gerade mal wieder eine alte Idee durch die Blogs, nämlich das Strassennetz mit Solarzellen zu pflastern um damit elektrische Energie zu erzeugen. Die Argumente:

  • Asphalt ist aus Erdöl gemacht und damit immer teurer und kostbarer
  • Solarzellen auf der Strasse sparen Platz, denn man muss keine landwirtschaftlichen Flächen dafür verwenden
  • Die Strasse selbst wird zum Verteilernetz für Energie (und Internet etc.)

Klingt ja alles ganz nett, aber ich bin sehr skeptisch.

  1. Es ist ein typisches Beispiel für eine vermeintlich radikale Neuerung, die jedoch in Wirklichkeit komplett im alten Denken verhaftet ist. Der Verkehr soll so weiterfliessen wie gewohnt, es wird einfach nur der Strassenbelag ausgetauscht. Das Problem ist aber gerade der Individualverkehr und der massive Transport von Gütern, beides ist nicht auf einen globalen Maßstab skalierbar. Sieben Milliarden Menschen können nicht alle ihr eigenes Auto fahren.
  2. Wenn man sich im Video den Prototyp ansieht, stellt man fest, das die Panele aus jeder Menge Elektronik bestehen, die auf Leiterplatten gelötet ist. Da stecken viele fiese Chemikalien drin, es ist praktisch nicht recyclebar, vor allem nicht wenn man bedenkt wieviel mehr Chemie nötig sind um es wetterfest zu versiegeln und so zu verkleben, daß es selbst einem Vierzigtonner bei Vollbremsung widersteht. Energetisch gesehen kostet es wahrscheinlich mehr, als jemals dabei herausspringt. Schon die Nettoausbeute bei einem fragilen Solarpanel für’s Dach ist nicht so toll Eine Solarzelle in Deutschland erwirtschaftet etwa viermal soviel Energie wie in ihre Herstellung gesteckt wird (Quelle: withouthotair.com Seite 38 unten).

Eine radikal neue Idee für den Strassenbau, das wäre eine Strasse, die sich selbst baut und repariert, etwa so wie die winzigen Polypen ein Korallenriff schaffen. Ein Korrallenriff ist beinharter Fels. Das Problem des Verkehrs löst aber auch diese Biostrasse nicht.

Nachtrag 9.5.2011

Der Solar-Liegeststuhl, der sich mit der Sonne dreht, dem Leser Schatten spendet und den Laptop mit versorgt ist eine bessere Idee. Mir gefällt vor allem das Laubsäge-Ornament unterm Sitz!

 

Nachtrag 18.5.2011

Hier ein Video, das der Idee von Straßen die sich selbst bauen und instandhalten recht nahe kommt:

Warten auf den Expressbrief

Friday, April 29th, 2011

Ich war in diesen Tagen in Santiago zu Gast bei einer Freundin. An ihrer Adresse hätte schon vor Tagen ein Expressbrief aus Amerika für mich ankommen sollen. Als beim Verlassen des Hauses die Postbotin auf der Strasse in ihrer Postfahrradtasche kramen sah, ergriff ich die Gelegenheit beim Schopf und fragte, ob sie denn auch Expressbriefe ausliefere, oder ob das ein berittener Bote Mopedkurier mache. Ja, sagt sie, sie hat auch Expressbriefe dabei und zeigt in ein Fach ihrer Tasche. Und was sie macht, wenn der Empfänger nicht anwesend sei? Einen Zettel hinterlassen? Nein, sagt sie, in diesem Fall wird der Expressbrief an den Absender zurückgeschickt, denn wenn sie am nächsten Tag wieder einen Versuch unternähme, dann wäre ja ein neuer Tag angebrochen und das sei zu lang, die Maximalfrist für die Zustellung sei nämlich 24 Stunden!

Unbestechliche Logik, nicht?

Sie versprach mir aber, auf dem Postamt nochmal nachzusehen, fragte mich auch nach meiner Telefonnummer und schickte mir am Nachmittag tatsächlich eine SMS, mit der Nachricht, dass auch auf dem Postamt kein rückwärtiger Expressbrief für mich zu finden sei.

Nachtrag: Gestern kam der Expressbrief an, eine Woche verspätet. War aber o.k., für mich sind die Unterlagen mehr wichtig als eilig.

Achtsam

Tuesday, April 26th, 2011

Der Reporter eines Artikels über Quantencomputer, den ich gerade lese, besucht den Physiker David Deutsch für ein Interview. Das Haus in Oxford ist etwas verwahrlost und in ziemlicher Unordnung. Und dann erzählt der Reporter eine hübsche Anekdote:

More than one of Deutsch’s colleagues told me about a Japanese documentary film crew that had wanted to interview Deutsch at his house. The crew asked if they could clean up the house a bit. Deutsch didn’t like the idea, so the film crew promised that after filming they would reconstruct the mess as it was before. They took extensive photographs, like investigators at a crime scene, and then cleaned up. After the interview, the crew carefully reconstructed the former “disorder”. Deutsch said he could still find things, which was what he had been worried about.

Den Artikel gibt’s leider nicht frei zu lesen.

Internet-Demokratie

Saturday, April 23rd, 2011

Wer nach dem Osterspaziergang-Post dachte, dass die politische Phase dieses Blogs erstmal vorbei sei, der sieht sich leider getäuscht. Es geht erst richtig los. Zu Häschen, Pferdchen und buntem Wald schreibe ich zwischendurch auch immer mal wieder. Aber jetzt zur Politik.

In den arabischen Ländern Nordafrikas kämpfen die Menschen für Demokratie. Aber wenn mich heute ein Ägypter per email fragen würde, ob ich die Demokratie westlicher Prägung weiterempfehlen kann, wäre ich nicht so sicher. Ich würde wahrscheinlich antworten: Die Demokratie ist eine tolle Sache, aber uns sind hier die Demokraten ausgegangen.

Die westlichen Demokratien sind in der Krise. Es ist schon viel schlaues darüber geschrieben worden, die Analyse die ich am ehesten teile ist ungefähr die folgende:

Parteien

Die Parteien sind austauschbar geworden, die Politiker sowieso. Als ich in der Schule war und in Gemeinschaftskunde politisch diskutiert wurde, da war für mich klar, dass ich die CDU ganz gewiss niemals wählen könnte. Heute würde ich sagen, warum nicht? Nicht weil ich inzwischen meine konservative Seite entdeckt hätte, das auch. Die deutschen Parteien sind alle in der Mitte angekommen und die Bürger ebenso. Es gibt keine Arbeiterklasse mehr, wir in der Mitte sind alle gleichzeitige Angestellte und Kapitalisten (mit Aktiendepot). Die in der Gesellschaft unten stehen, fühlen sich nicht als Gemeinschaft, sie haben ihren Stolz verloren und werden mit Sozialhilfe abgespeist. Und die oben brauchen ohnehin keine Partei, die bestimmen heute auf andere Art, vornehmlich über Lobbyarbeit.

Lobbyisten

Lobbyisten machen heute die Gesetze und legen sie dem Parlamentarier mit freundlichem Druck zur Abstimmung nahe. Die wichtigsten Lobbyisten sind die Vertreter der Industrie, die Gewerkschaften und die Nichtregierungsorganisationen. Die letzteren haben weniger Geld und können deshalb nicht so oft in luxuriöse Tagungshotels einladen. Aber im Grunde ist der Einfluss aller dieser Gruppen nicht wünschenswert weil nicht demokratisch legitimiert. Eigentlich wäre es die Aufgabe des Parlamentariers, sich selbst zum Experten zu machen und im besten Interesse seiner Wähler zu handeln. Das scheitert unter anderem an der enormen Komplexität.

Komplexität und Hektik

Möglicherweise ist Politik machen tatsächlich nicht mehr so einfach wie vor 30 Jahren. Alles passiert wahnsinnig schnell und alles hängt mit allem zusammen. Ein paar Beispiele:

Deutschland ist in die EU eingebunden (die EU ist geradezu eine Paradebeispiel für mangelnde demokratische Legitimation). Jedes Gesetz muss daher gleichzeitig EU-Recht entsprechen oder zumindest nicht dagegen verstossen.

Bestimmte Themen sind sehr komplex und widersprüchlich. Zum Beispiel Google. Ist deren Datensammelwut Segen oder Fluch? Beides wahrscheinlich, wenn man nur wüsste, wo die Grenze zu ziehen ist. Und während man darüber noch diskutiert ist das ganze Land abfotografiert und alle Bücher gescannt und jeder Bürger googled ohnehin den lieben langen Tag. Die Wirklichkeit ist schneller als jeder Prozess der Entscheidungsfindung.

Und dann die Finanzkrise. Was wäre passiert, wenn man die tief verstrickten Banken hätte in Konkurs gehen lassen? Vielleicht wäre wirklich das ganze System kollabiert, ich glaube, es wäre heilsam gewesen, aber wer hätte das schon ausprobieren wollen? Zeit zur Entscheidungsfindung: Ein paar Tage, höchstens Wochen.

Ich fürchte jedoch, dass die Mehrzahl der “Gesetze” im Kern hunderte Seiten von Richtlinien, Richtwerten, und Grenzwerten ausmachen. Das kann der Parlamentarier wirklich nur glauben und abnicken.

Und wer hat die Macht?

Zu Zeiten der Wutbürger (in Deutschland) oder die Tea-Party (in Amerika)

Das Fernsehen (in Chile)

Vor allem aber die Lobbyisten von Kapital & Industrie, immer weniger die Gewerkschaften und gelegentlich setzt sich mal Greenpeace durch.

Demokratie ins Internet

Mein ernstgemeinter Vorschlag ist, die Demokratie ins Internet zu verlegen. Über Gesetze soll nicht mehr das Parlament abstimmen, sondern tatsächlich der Bürger. Jedesmal.

Dieser Vorschlag sollte helfen das Parteiensystem zu reformieren und ausserdem die Lobbyisten in Schach halten und die Macht wieder dem Volk geben.

Keine Panik, das ist nichts revolutionäres, steht so im Grundgesetz. An dieser Stelle wäre nur wenig zu ändern:

Art. 20

(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, auf der Webseite ichbindasvolk.de, sowie Organe der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.

Auch bei den Amis ist das Volk der Souverän: “We the people…”, so beginnt die Constitution. Und die Chilenen? Die sind so Flash-verliebt, dass ihre Constitución-Website 10 Minuten zum Laden braucht. Also wahrscheinlich steht drin: Die Macht haben diejenigen im Volk, die genügend Geld haben um sich eine schnelle Internet-Verbindung zu leisten.

Die Volksabstimmungs-Seite

Konkret stelle ich mir das so vor, dass jeder Wahlberechtigte eine Abstimmungs-Website besuchen kann (und soll). http://ichbindasvolk.de wie oben im geänderten GG zu lesen. Da stehen dann immer diejenigen Gesetze schön übersichtlich aufgelistet, die gerade zur Abstimmung stehen. Man stimmt dafür oder dagegen, wie man das von den Nutzungsbedingungen für Software kennt. Mit dem Unterschied, dass man im Fall von ichbindasvolk.de tatsächlich die Wahl hat! Wer sich innerhalb einer Woche nicht drum kümmert, hat sich quasi enthalten. Man kann aber nicht nur mit Ja und Nein stimmen sondern auch differenzierter reagieren:

  • Ich halte das Gesetz für nicht verfassungsgemäss
  • Oder: Aufschub, das scheint mir wichtig, ich muss das erst noch verstehen.
  • Oder: Zurück ins Parlament, das muss noch verbessert werden.

Wenn genug Leute Einwände haben, dann muss das Parlament nochmal ran. Also eigentlich genauso, wie das der Bundestag auch heute schon macht.

Damit ist schon gesagt, dass es weiterhin ein Parlament geben soll. Auch die Bundeskanzlerin, die Minister etc. Auch Parteien. Alle werden so gewählt wie man das kennt, alle vier Jahre. Sie regieren den lieben langen  Tag, empfangen andere Staatsoberhäupter usw. Der grosse Unterschied ist,  dass keiner von all den Gewählten Gesetze verabschiedet. Sie bereiten nur vor und legen diese dann dem Volk zur Abstimmung vor!

Das ist mir zuviel Arbeit

Oder zuviel Verantwortung. Und ganz bestimmt habe ich keine Lust, mir jeden Gesetzentwurf durchzulesen. Also eine Möglichkeit wäre eine Abstimmungsempfehlung nach dem amazon-Kundenempfehlungs-Prinzip. Etwa so:

  • Bürger, die für den Atomausstieg gestimmt haben, haben sich auch gegen Windparks in Sichtweite ihres Häuschens ausgesprochen.

Man sieht schon, das ist wenig hilfreich. Ich schlage daher vor, dass jeder seine Stimme an eine Partei delegieren kann. Das passiert aber nur, wenn er oder sie nicht selbst abstimmt. Wenn ich also garnichts tue, dann entscheidet die von mir in den Benutzereinstellungen hinterlegte Partei.

Mit diesem Prinzip der direkten Demokratie werden sich bestimmt zahllose Gruppen bilden, die Einfluss nehmen wollen. Vor wichtigen Abstimmungen wird die Facebook-Seite überschwemmt von Empfehlungen meiner Freunde. Ich selbst würde versuchen, die Leserscharen dieses Blogs hinter mir zu sammeln. Ich freue mich schon drauf!

Keine Lösung für das Problem der Komplexität

Wie ich weiter oben an Beispielen gezeigt habe, sind viele Entscheidungen heute sehr schwierig zu treffen. Die direkte Demokratie ist da erstmal keine Lösung. Aber möglicherweise ist sie auch nicht schlechter als Schröders Basta-Entscheidung oder das Geflüster des Deutsche-Bank-Chefs ins Ohr der Kanzlerin. Vielleicht bildet sich eine Möglichkeit heraus, wie man die Schwarmintelligenz des Netzes für die Komplexitätsreduzierung nutzen kann.

Osterspaziergang auf dem Holzweg

Saturday, April 23rd, 2011

Zu Weihnachten in Chile kommt keine richtige Stimmung auf. Kein Wunder, bei strahlendem Sonnenschein und Hitze. Wenn dann im Juli hier Skifahren angesagt ist, liegt die Nordhalbkugel am Strand. Aber immerhin zweimal im Jahr gibt es die Jahreszeitengleiche. Meine Wanderung heute brachte mich hoch in die Berge wo gerade der erste Schnee gefallen war. Blanca war total aus dem Häuschen darüber und sprang und rannte bis ich mich anstecken liess und ihr eine Schneeballschlacht lieferte. Ich schätze mal, in den Bergen in Deutschland schmilzt gerade der letzte Schnee in den Höhen. Wenn man nicht so genau hinguckt, dann gleicht sich dieser Tag.
Wie ich da so lief und mappte (= mit dem GPS Openstreetmap Kartendaten sammelte) geriet ich auf einen Seitenweg der ziemlich bald im Nichts endete. “Da bin ich wohl auf einem Holzweg” sprach ich zu mir – und in diesem Augenblick, zum ersten Mal in meinem Leben, verstand ich die Bedeutung dieser Redensart! Ein Holzweg ist ein Weg der nur zum Holzmachen in den Wald geschlagen wurde aber nirgendwo hinführt. Es mir wie Schuppen von den Augen, sozusagen (noch so ein Spruch den ich mal enträtseln müsste, ich schaue jetzt nicht im Internet nach, freue mich aber falls jemand einen aufklärenden Kommentar schreibt).