Ich bremse auch für Fußgänger

Written by stefan on March 24th, 2012

Einen Aufkleber mit diesem Text sollte ich mir auf die Satteltasche pappen und mich als freundlichster Radfahrer New Yorks präsentieren. Denn hier gilt: Jeder gegen jeden. Die Geländewagenfahrer biegen rücksichtslos nach links und rechts ein und schneiden Dir den Weg ab, Taxis zischen nur eine Handbreit entfernt an Dir vorbei und die Fußgänger stürzen sich in die Kreuzung, egal welche Farbe die Ampel zeigt. Aus Deutschland habe ich in Erinnerung, dass wir schon in der Fahrschule eingebleut bekamen, beim Abbiegen einmal, zweimal, dreimal über die Schulter zu schauen und nur ja keinen Radfahrer zu übersehen. Die waren nämlich immer im Recht und vor allem auch moralisch überlegen. Die radikalen Radler hier scheinen mir nicht aus ökologisch-ideologischem Impetus heraus zu handeln. Mein Eindruck ist eher, den Rasern auf zwei Rädern hier geht es darum, Narben zu sammeln. Sozusagen das wahre Leben auf der Strasse zu finden. Die Räder der tapfersten Krieger haben keine Bremsen und keinen Freilauf, das heisst die Pedale sind über die Kette mit dem Hinterrad direkt verbunden und drehen sich immer mit. Man ‘bremst’ indem man mit Muskelkraft gegenhält — oder man bremst eben nicht sondern fährt durch das Rotlicht und mit einem Schlachtruf auf den Lippen in die Fussgängermeute an der 5th Avenue und quert todesmutig die sechs Reihen Autokorso und schwere LKW an der Houston Street.

Das geht nicht immer gut. Vor ein paar Wochen geriet L. hier um die Ecke in eine Unfallszene noch bevor die Blutlache vom Asphalt gewaschen war. Seitdem verabschiedet sie sich jeden Morgen von mir, als wär’s das letzte Mal. Ich will nicht unter die Räder kommen und will auch keinen überfahren. Auf die frische Luft, die Fahrt über die Manhattan Bridge mit der Skyline im Blick und das so nebenbei erledigte Fitnessprogramm will ich aber auch nicht verzichten.

 

Eingesperrt

Written by stefan on February 8th, 2012

Hier geht gerade das Thema Gefängnis durch die Presse. Vor zwei Wochen im New Yorker, jetzt in n+1 und The New York Review of Books hat auch darüber geschrieben: Fast 1% aller Amerikaner sitzt im Gefängnis. Mehr männliche Schwarze sind im Gefängnis oder auf Bewährung, als es ehemals Sklaven gab. Mit Ausnahme von Rußland unter Stalin hat kein Staat der Welt jemals einen grösseren Anteil seiner Bevölkerung hinter Gittern gehalten. Das ganze verschlingt sechsmal soviel Geld wie für Bildung ausgegeben wird, etliche ländliche Provinzen leben vom Boom der Gefängnisse, die vorzugsweise weit ausserhalb der Städte errichtet werden. Es ist nicht zuletzt ein ausgezeichnetes Geschäftsmodell von dem boomende private Verwahr- und Schliessgesellschaften prächtig leben.

Dabei gibt es heute in den USA so wenig Kriminalität wie schon seit Jahrzehnten nicht. Die Experten sind sich uneinig woran das liegt. Christopher Glazek in n+1 stellt tatsächlich einen direkten Zusammenhang zwischen den vollen Gefängnissen und der niedrigen Kriminalität her. Allerdings ist er ganz und gar nicht mit dem Wegsperren einverstanden. Die Kriminalität habe sich nur verlagert und in den Gefängnissen ist das Verbrechen an der Tagesordnung, besonders Vergewaltigung wird von ihm und anderen Autoren immer wieder angeführt. Daneben prangert Glazek die enormen Kosten für die Gesellschaft an, die soviele arbeitsfähiger Menschen ihrer Freiheit beraubt. Nicht nur die direkten Kosten der Gefängnisse, sondern auch weil diese Männer nicht mehr arbeiten können, nicht im Gefängnis und auch nicht nach ihrer eventuellen Freilassung (die lange genug auf sich warten lässt, bei den drakonischen Strafen, die hier für Wiederholungstäter beim kleinsten Vergehen verhängt werden). Ex-Knackis stellt keiner ein und weil sie oft auch keine Sozialhilfe bekommen und wegen Anwaltskosten, Unterhaltskosten etc. völlig verschuldet sind, ist das Scheitern im normalen Leben vorprogrammiert.

Glazek argumentiert auch, dass der Abtransport vieler Stadtbewohner die Innenstädte geschwächt habe, aber – und hier wird es interessant – am Beispiel der New Yorker Stadtteile Fort Greene (hier wohnen wir!) und Clinton Hill habe es umgekehrt zum Zuzug wohlhabenderer weißer Familien geführt, die sonst niemals in diese ehemals vom Verbrechen heimgesuchten Gegenden gekommen wären.

Abgesehen davon, daß schwerlich etwas dagegen zu sagen ist, daß L. nun im Dunkeln mit dem Hund im Park spazierengehen kann, was sie gerade eben tut, während ich diesen Blogartikel schreibe, halte ich die Erklärung “alle im Gefängnis, deshalb ist jetzt Ruhe” einfach für falsch. Er geht davon auss, dass ein bestimmter Anteil der Menschen per se kriminell verlanlagt sei und Verbrechen somit unvermeidbar, ausser, man sperrt alle potentiellen Verbrecher ein. Wenn das so wäre, müsste es für Weisse wie Schwarze genauso gelten und für andere Nationen ebenso (die Kriminalitätsrate ist in allen westlichen Nationen in den letzten 20 Jahren dramatisch gefallen und zwar ohne dass die Rate der Gefängnisinsassen dort gestiegen wäre). Es scheint vielmehr so zu sein, dass Verbrechen, wie alle anderen menschlichen Tätigkeite auch, von den Umständen und Möglichkeiten abhängt. “Gelegenheit macht Diebe” und nicht: Diebe suchen Gelegenheiten.

Gopnik, im New Yorker, gibt zu dass im Grunde kein Mensch weiss, warum die Gewaltkriminalität so stark abgenommen hat. Es können demgraphische Entwicklungen gewesen sein (weniger wilde junge Männer) oder einfach der Zug der Zeit (Raubüberfälle sind nicht mehr in). Die andauernde Präsenz der Polizei, so sehr sie mir manchmal widerstrebt, dürfte daran ihren Anteil haben.

Vielleicht war es sogar die moderne Kommunikationstechnik. Das Aufkommen der Mobiltelefone hat den Drogenhandel aus dem öffentlichen Raum nach drinnen verlagert. Anstatt sich seinen Stoff in dunklen Gassen zu besorgen, rufen die Konsumenten bei ihrem Dealer an und bestellen zur Lieferung frei Haus.

 

Gestern Abend im Holland Tunnel

Written by stefan on February 7th, 2012

Wer von Südenwesten nach New York will (und weiter nach Brooklyn, Queens und Long Island), muss den Hudson queren. Hier ist der Holland Tunnel das Nadelöhr. Gestern abend kurz nach sechs sah er so aus:

Kein Stau, keine Wartezeit, kaum Verkehr in New Jersey auf den achtspurigen Highways, Danke Superbowl!

Gestern Abend war Endspiel und wir auf dem Heimweg von Philadelphia, wo wir Freunde von L. besucht und uns die Stadt haben zeigen lassen. Philly gefiel uns, die eng stehenden Reihenhäusern und die engen Gässchen sind fast schon europäisch, jedenfalls ungewöhnlich für Amerika. Die Leute sind viel entspannter als in New York, freundlich und nehmen sich Zeit. Gut gegessen haben wir auch!

 

 

Schneegestolper

Written by stefan on January 25th, 2012

Am Sonntag raus aus der Stadt und mit dem Zug von Grand Central Station bis Beacon im Hudson Valley. Es erinnert ein wenig ans Rheintal zwischen Mainz und Koblenz, abzüglich der Burgen, Weinberge und schnuckeligen Ortschaften. Das erste Mal in diesem lag Schnee Winter und ich lief von Beacon nach Cold Springs.

Angenehm war das Laufen nicht, es lag gerade soviel Schnee, dass Stock und Stein nicht mehr zu erkennen waren. Ständig stolperte ich über Wurzeln oder trat in unsichtbare Vertiefungen, ich fühlte mich wie ein schlecht geferdertes Auto auf einer Buckelpiste, glücklicherweise nichts verstaucht.

 

Taxes

Written by stefan on January 18th, 2012

Als ich im Dezember meine erste Gehaltsabrechnung erhielt, konnte ich es nicht glauben: Die Steuern auf mein Einkommen in Amerika liegen bei knapp 30% (je nachdem ob L. und ich gemeinsam oder getrennt versteuern, wird es sich bei 25% oder 28% einpendeln). Die Lohnsteuer, die in Deutschland auf ein gleich hohes Einkommen erhoben wird: 27%

Was man in Deutschen Medien immer wieder liest, dass die Steuern in den USA viel niedriger seien, entpuppt sich als haltlos. Und es wird noch hohler, wenn ich bedenke, was es hier nicht vom Stuergerld gibt: Zum Beispiel eine ordentliche Schulausbilung und das Studium der Kinder ist privat zu bezahlen (ab $15000 pro Semester). Mir fällt nichts ein, was mir der Staat hier für meine Steuern gibt, was ich in Deutschland nicht ebenfalls (oder besser) hätte.

Die Mittelschicht bezahlt hier die Rechnung. Gerade gestern ging durch die Presse, dass der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney (geschätzes Vermögen $250 Millionen) nur ca. 15% Steuern auf sein Einkommen bezahlt. Das ist etwa soviel, wie ein MacDonald’s Angestellter dem Staat abgeben müsste. Vielleicht macht das verständlich, warum sich in der Tea Party Bewegung die ganz Reichen und das gemeine Volk so gut verstehen: Sie sitzen im selben Boot, steuerlich gesehen.

 

 

Beobachtungen am Arbeitsplatz

Written by stefan on December 3rd, 2011

Viel ist noch nicht passiert, in meiner ersten Arbeitswoche. Der Computer mit zwei großen Bildschirmen stand bereit, auch eine Kaffeetasse und mein Namensschild. Bereits am Mittag lief die Entwicklungsumgebung, eine Installationsanleitung im Firmen-Intranet war schnell abgearbeitet. Ein wenig programmiert habe ich auch bereits, aber weniger als ich erhofft hatte. Mein Teamchef hat mir noch kein eigenes Projekt gegeben, “es war alles etwas hektisch diese Woche” sagte er.

Komisch, davon hatte ich gar nichts gemerkt. Hektik und Stress heissen für mich, volle Konzentration, lange Arbeitstage, Meetings ausfallen lassen und durcharbeiten. Nicht hier. Alle scheinen sehr entspannt, freundlich, ständig unterhalten sich Kollegen über dies und jenes, beileibe nicht nur über die Arbeit. Es wird länger in der Firma verweilt als in Deutschland (gute 8 Stunden täglich und nur drei Wochen Urlaub) aber sehr viel Zeit wird verplaudert und zwar ohne daß ein Chef etwa böse schauen oder zu mehr Konzentration anhalten würde. Wer arbeitet also mehr, Deutsche oder Amerikaner? Im Endeffekt kommt es wohl auf’s gleiche heraus.

Unter allen Programmierern bin ich womöglich der Alteste, mein Vorarbeiter ist erst 30. Aber einige andere dürften schon Mitte dreissig sein, ich falle nicht zu sehr auf, ich habe ja auch keinen grauen Bart oder Spitzbauch. Manche sind noch rechte Kindsköpfe, einer läuft mit Vorliebe zwischen den Reihen herum und schiesst mit einem Plastik-Maschinengewehr Schaumstoffbällchen auf seine Kollegen. Bei unseren Teammeetings spielen wir beim Gedankenaustauch chinesisches Poker, ich habe die Regeln immer noch nicht recht raus und verliere meistens.

Alles in allem sind etwa 25 Programmierer und 5 “Qualitätsprüfer” (sprich Tester) beschäftigt. Die Programmierer sind alle männlich, weiß oder asiatisch, dazu ein Araber und ein Inder. Die Tester sind alle weiblich und etwas gemischter, zwei Damen haben einen dunkleren Teint. Schwarze oder Latinos sind nicht vertreten. Ich denke nicht, dass die Firma nach rassischen Kriterien einstellt, es ist wohl einfach so, dass die Gesellschaft hauptsächlich gut ausgebildete Weiße und Asiaten hervorbringt.

Ich habe nach Statistiken gesucht, aber da tappt man in die Falle, daß Rasse und Ethnie/Kultur nicht das gleiche sind. Die Statistik für New York City sagt: 45% weiß, 25% schwarz, 13% Asiaten und 17% Sonstige. Wo aber sind die Latinos geblieben? Die sind im Alltag eine deutlich separierte Gruppe (sie sprechen Spanisch und stammen aus Mittel- und Südamerika) verteilen sich aber in der Statistik irgendwo zwischen weiss, schwarz und sonstig. Dann sind da noch die orthodoxen Juden (weiß), die stellen in New York  mindestens 1 Million und in Zukunft sicher noch mehr, sie haben gerne 5+ Kinder, trotzdem arbeitet kein Programmierer mit Schläfenlocken in meiner Firma. Ich will es nicht zu weit treiben mit der Statistik, 30 Programmierer sind ja keine besonders aussagekräftige Stichprobe, aber ich denke schon, dass sie der Tendenz nach stimmt. L. beobachtet das gleiche vom anderen Ende aus. Sie unterrichtet Schulabgänger die mit Ach und Krach einen Schulabschluss geschafft haben und damit formal auf’s College gehen könnten, aber praktisch in allen Fächern einen völlig unzureichenden Bildungsstand haben. Es sind fast ausschliesslich junge Schwarze und Latinos.

Inwieweit die Chassidim auf die Universität gehen oder nicht und ob mangelnde Ausbildungschancen für sie ein Problem sind, weiss ich nicht. Mir scheint, sie sind so tief in ihrer eigenen Kultur verwurzelt, sie haben sogar eigene Schulen und überhaupt recht wenig Berührung mit dem Rest der Stadt. Möglicherweise interessiert sie die moderne Gesellschaft gar nicht besonders. Blackberries haben sie allerdings schon.

 

Zurück in New York

Written by stefan on November 27th, 2011

Santiago – Atlanta – New York. L. hat ihren Flug einen Tag später gebucht und ist noch in Santiago. Die Grenzabfertigung ist besser geworden, effizienter und freundlicher. Zumindest die letzten beiden Male (in Denver und heute in Atlanta) ging alles ganz zivilisiert und in annehmbarer Zeitspanne über die Bühne. Gut so, das macht mir das Reisen wesentlich entspannter.

Vom Flughafen JFK kommt man gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Manhattan und Brooklyn. Ich nehme den Zug zum Atlantic Terminal in Brooklyn und ziehe von dort meinen Rollkoffer über holperige Gehsteige nach Hause.

Im Koffer ist das große Marmeladenglas zerbrochen, ein Abschiedsgeschenk von Margarita, der Nachbarin. Sie kocht die beste Marmelade, die ich kenne. Sehr intensiv im Geschmack, so schwer und würzig aromatisch, wie sonst nur Pflaumenmus. Jetzt waren Scherben und Marmelade so vermischt, dass nichts zu retten war, aber der aufsteigende Himbeerduft und der klebrigen Süsse an den Fingern sprachen deutlich davon, welcher Genuß uns entgangen war.

Lucy, unser Hund wartete im Apartment, der Hundesitter war schon weg. Etwas stimmte nicht, der Geruch der Wohnung war so fremd, ich erkannte den Ort kaum wieder. Ich weiss nicht, ob der Hundsitter (ein Freund eines Freundes von L.) auch hier übernachtet und gekocht hat, sicher aber hat er hin und wieder geraucht. Ich putzte alles gründlich um den Geruch loszuwerden und die Wohnung wieder als die meine zu markieren.

Heute Abend geht es früh ins Bett. Morgen, Montag ist mein erster regulärer Arbeitstag nach 14 Monaten Pause.

 

 

Wir sind doch kein Aas

Written by stefan on November 25th, 2011

Raubvögel können angeblich unglaublich scharf sehen und ihre Beute aus grösster Höhe erspähen. Entweder war unser Condor kurzsichtig oder er wollte uns mit seiner Erscheinung beeindrucken. Nur ein paar Meter über unseren Köpfen segelte er lautlos im Hangwind heran. Bei einem Riesenvogel mit drei Metern Spannweite ist das ein ziemlich unheimlicher Anblick! Bei jeder Schleife kam er etwas näher, so dass wir uns nach gebührender Bewunderung und Fotos schliesslich unter einem Busch geduckt haben, bis der König der Lüfte abzog, höheren Gipfeln entgegen.

L. auf dem Rückzug mit Condor-Abwehrstock

 

Ein Programmierer in New York (IV und Schluß)

Written by stefan on November 16th, 2011

Im vierten und letzten Teil geht es um das Einstellungsprozedere, vom ersten Kontakt bis zum Vetragsangebot.

Nach dem Senden der Bewerbung

Wenn eine Firma interessiert ist, reagieren sie meistens recht schnell (einige Tage). Manche lassen sich auch länger Zeit, aber es ist eher unwahrscheinlich, daß nach Wochen das Wartens noch eine positive Reaktion kommt. Wenn eine Firma interessiert ist, melden sie sich entweder per Telefon oder email und fragen nach einem Termin für ein etwa 45 minütiges Vorstellungsgespräch am Telefon. Gut, der erste Schritt ist geschafft!

Unglücklicherweise sind Absagen im email-Zeitalter aus der Mode gekommen. Ich kann es verstehen, denn wer hindert Hundertschaften von ungeigneten Kandidaten daran, hundertmal am Tage die gleiche Bewerbung herauszuschicken? Als jemand, der ausschließlich handgefertigte, quasi auf Büttenpapier gedruckte und sorgsam and die Stellenanzeige angepasste Briefe und Lebensläufe verschickt, fand ich es trotzdem unfair, keine eine Reaktion auf meine Mühe zu erhalten. Die Antwortquote lag bei 35%, das schließt auch Absagen mit ein, 65% meiner Bewerbungen verhallten ohne jede Resonanz.

Das Telefon-Interview

In Deutschland gibt es das meines Wissens nicht, aber in Amiland ist es die Regel: Um allen Beteiligten unnötigen Zeitverlust zu ersparen, wird der Kandidat erstmal am Telefon abgeklopft. Entweder macht das jemand von der Personalabteilung, oder der Software-Chef, oder beide zusammen, oder sie rufen nacheinander an. Die Fragen sind die üblichen: Erzählen sie uns, was sie an ihrer letzten Stelle getan haben.Warum interessieren Sie sich für unsere Firma usw.

Dann können aber gleich schon technische Fragen folgen: Welche Erfahrung haben sie mit Python? Was ist eine “Klasse” in objektorientierter Programmierung? Google war besonders fortgeschritten: Der Interviewer schickte mir den Link zu einem Google-Dokument und bat mich, eine Funktion zu codieren (in einer Sprache meiner Wahl), die ein Array um 5 Stellen nach rechts shiftet. Uff. Das hat mich kalt erwischt. Aus drei Gründen:

  1. Ich muß gestehen, daß ich beim Programmieren kaum noch auf die Syntax achte. Anders als in den 80gern, sind die Compilezyklen so fix, daß man warten kann, bis der Computer das fehlende Semikolon anmeckert (Eclipse macht sogar gleich einen roten Kringel im Editor). Wenn man dann plötzlich auf einem weißen Blatt Papier codieren soll, merkt man, daß man viele simple Regeln und Kommandos nicht im Kopf hat und überhaupt viel zuviel googelt (heisst es array.size() oder array.lenght oder len(array)?)
  2. Der Akt des über-die-Schulter-schauens kann einen lähmen und am Denken hindern.
  3. Grundlagen aus dem Studium werden ebenfalls abgefragt. Lies Dir nochmal ein gutes Buch über Algorithmen und Datenstrukturen durch (z.B. Niklaus Wirth). Mach ein paar Aufgaben dazu. Auch wenn Du sie seit der Uni nicht mehr selbst implementiert hast (wozu gibt’s das collections framework?) an dieser Stelle mußt Du mindestens wissen, wo verkettete Listen und binäre Bäume am Platz sind und welche Vor- und Nachteile sie haben.

Üben hilft!

Programmier-Rätsel

Falls es nicht bereits eine Voraussetzung für die Bewerbung war, dann kommt es wahrscheinlich jetzt: Das Programmier-Puzzle. Für eine mehr oder weniger klar definierte Aufgabe soll eine Lösung programmiert werden. So lange man mir etwas Zeit zum Nachdenken lässt, ist es mir recht.

Vorstellungsgespräch

Da die grundsätzliche Eignung nach den vorherigen Etappen bereits klar scheint, wird beim Vorstellungsgespräch Ernst gemacht: Die Firma investiert richtig viel Zeit und schleust Dich in einigen Stunden durch alle Abteilungen. Ich habe mit bis zu 8 Leuten gesprochen. Manche machen Tests und lassen Dich eine Lösung an der Tafel skizzieren, andere wollen Dich am Computer tippen sehen. Danach war ich ganz schön geschafft! Aber es ist wirklich gut, viele zukünftige Kollegen zu beschnuppern (und umgekehrt).

Jobangebot

Spätestens hier wird meine Datenbasis dünn, soviele Angebote gab’s nicht für mich. Wenigstens eines kam und es kam recht schnell. Per Telefon und email verhandelten wir die letzten Details wie Starttermin und Gehalt. Dann waren Formulare auszufüllen. Und so viele:

  • Angebots-Brief (unterzeichnen und Handzeichen auf alle Seiten)
  • Personendaten
  • Schweigepflichtserklärung
  • Abtretungserklärung
  • Bestätigung der US-Arbeitserlaubnis
  • (freiwillige) Enthüllung der Rassenzugehörigkeit
  • Steuerformular (federal tax)
  • Steuerformular (state tax)
  • Kontoverbindung
  • Krankenversicherung
  • Lebensversicherung
  • Rentenversicherung
  • Firmen-Handbuch gelesen (unterschreiben)

Ich freue mich auf meinen ersten Arbeitstag :-)

 

Ein Programmierer in New York (III)

Written by stefan on November 16th, 2011

Heute: Die Hilfe von Personaldienstleistern (Recruiter)

Wenn das Telefon endlich mal klingelt, ist es vermutlich ein Recruiter und nicht der ersehnte Anruf des Personalchefs. Der Recruiter hat eine Übereinstimmung Deines Lebenslaufs mit einem Stellengesuch gefunden:

Python = Python

Hurra! Seine Kommission scheint schon in Reichweite.

In einigen Fällen haben Recruiter tatsächlich interessante Angebote, viele Firmen arbeiten auch mit Recruitern, es kann also durchaus die Mühe wert sein, auch auf Angebote zu reagieren, die nicht direkt von Firmen kommen. Es wie mit den Maklern auf dem Wohnungsmarkt (in New Yorks wahre Heerscharen von Maklern unterwegs, möglicherweise gibt es sogar mehr als Polizisten, aber weniger als Eichhörnchen. Ich habe den Verdacht, daß viele Absolventen von schlechten Colleges es nicht zum Programmierer bringen und sich dann auf Personalvermittlung spezialisieren.)

Neben den Recruitern, die sich auf die reine Vermittlung beschränken, gibt es auch Personaldienstleister, die Dich unter Vertrag nehmen und dann an den Arbeitgeber für eine etwas höhere Summe verkaufen. Der Vertrag endet aber mit dem Ende des Kundenprojekts, der Dienstleister kann im Anschluß etwas Neues für Dich haben oder auch nicht. In vielen Fällen ist das Ziel dieses Zeitvertrages aber auch die Übernahme, falls der Kunde mit der Leistung zufrieden war. Der Vertrag kann ein festes Monatsgehalt vorsehen, oder die Abrechnung auf Stundenbasis. Besonders attraktiv fand ich letzteres nicht, denn die so erzielten Stundenlöhne sind praktisch identisch zu der Summe, die ein Festangestellter verdient, wenn man das Monatsgehalt auf eine Arbeitsstunde herunterbricht. In Deutschland rechnet man gemeinhin etwa das Doppelte als Stundenlohn für einen freien Mitarbeiter. Denn der Freie muss ja alles obendrauf selbst finanzieren, was sonst die Firma mit übernimmt: Urlaub, Krankenzeit, Versicherungen, Weiterbildung, Steuererklärung, Akquise. In USA wird aber nicht so gerechnet. Mir wurden Stundenlöhne von $40-$70 genannt, ich fand das recht wenig.

Man kann mit den Recruiters leben, anders als die Wohnungsmakler werden sie vom künftigen Arbeitgeber bezahlt (angeblich bis zu 25% eines Jahresgehalts).